Leib, Seele und Geist des Menschen. Ergebnisse aus den Forschungen der Geisteswissenschaft
Du Bois-Reymond, ein von mir hochgeehrter Physiologe, hat in seinen berühmten Untersuchungen über die tierische Elektrizität und in anderen glänzenden Reden vieles ausgeführt, was die neuere Naturwissenschaft charakterisieren muss. Aber er hat zu gleicher Zeit gesagt: Diese Naturwissenschaft kann sich nur über die Sinneswelt erstrecken, denn darüber hinaus muss Wissenschaft aufhören. Das war ein Machtspruch. Und heute steht ein weiter Kreis der Menschheit unter diesem Einfluss. Dasjenige aber, was dieser Machtspruch meint ich möchte es durch einen Vergleich ausdrücken: Jemand sieht einen Baum, der wächst aus dem Boden heraus. Wie er im Boden wurzelt, da kann man nicht hineinschauen; das stört einen. Der Baum wächst und wächst: Das, was im Boden ist, hat etwas damit zu tun. Man will nun den Baum anschauen mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen, man gräbt ihn aus; man setzt seine Wurzeln in die Luft. Er stirbt ab, er wird ertötet, weil er entwurzelt ist. - Man hat versucht in der neueren Zeit, weil man nicht gehen wollte von dem menschlichen Wissen aus über die äußere Sinneswelt zu dem, was Wurzel eines jeglichen Wissens in der geistigen Welt ist. Man hat versucht, das Wissen über die Natur zu entwurzeln, wie man den Baum entwurzelt. Wie der Baum abstirbt, so stirbt auch die Erkenntnis ab, wenn sie dem Boden, dem geistigen Boden entrissen wird.
Cite:
GA 71b/1918-02-11/p066 · edition original