Der übersinnliche Mensch und die Fragen der Willensfreiheit und Unsterblichkeit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Das andere Element, was als imaginatives Leben auftritt, das nannte ich für die Freiheitsfrage dazumal die moralische Phantasie, um für diejenigen auch das Buch brauchbar zu machen, die die Geisteswissenschaft für Narretei halten. Das, was in dem Buche steht, ist philosophisch geschildert. Der Geisteswissenschafter fügt hinzu, das dasjenige, was dort als moralische Phantasie auftritt, ein Teil davon ist, was in der Organisation des Menschen an unterbewusster Imagination lebt und gerade in moralischen Handlungen heraufsteigt. Durch das Zusammenwirken von moralischer Phantasie mit dem intuitiven Denken, sagte ich dazumal, entsteht das, was im wahren Sinne des Menschen eine willensfreie Handlung des Menschen ist. Heute füge ich hinzu: Was ist das Denken? Das, was hier unsere Inspiration ist, was vorgeburtlich ist. Wann tritt es auf? Dann tritt es auf, wenn wir imstande sind, eine Handlung so auszudenken, dass wir diese Handlung vollführen so, dass uns diese Handlung so lieb ist, dass sie nichts mit unseren Trieben und Neigungen zu tun hat, sondern uns so lieb ist wie eine Persönlichkeit, die wir wirklich lieben, weil wir ihr Wesen erkannt haben. Wenn wir eine Handlung aus Liebe vollführen - also nicht aus Egoismus, aus spielenden Vorstellungen, sondern aus der Einsicht in die innere Notwendigkeit der Handlung -, dann geben wir uns den intuitiven Handlungen hin; dann sind wir inspiriert von dem vorgeburtlichen Leben.
Cite:
GA 71b/1918-04-24/p060 · edition original