Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Ich möchte nur beispielsweise, einleitungsweise anführen, wie wahrhaftig nicht leicht zu nehmende und auch nicht bloß als Theoretiker zu betrachtende, sondern ganz ernste Personen, die da glaubten, sich ein wirkliches gesundes Urteil aus der Betrachtung der Geschichte bilden zu können, im Beginn dieser kriegerischen Katastrophe eben zu dem Urteil gekommen sind, dieser Weltzusammenstoß könne nicht länger dauern, nach den allgemeinen Verhältnissen, die im sozialen, im moralischen Zusammenleben der Menschheit sich herausgebildet haben, deren Erkenntnis durch die Geschichtsbetrachtung sich ergibt, dieser katastrophale Zusammenstoß der Menschheit könne nicht länger dauern als vier bis sechs Monate. Das haben die Menschen, die schon ein in gewissem Sinne heute berechtigtes Urteil aus der Geschichte heraus sich gebildet haben und die auch durchaus der Lebenspraxis nicht ferne stehen, im August, September und so weiter des Jahres 1914 gedacht. Und was hat die Wirklichkeit, was hat das Leben zu diesem Urteil gesagt? Das kann sehr wohl bedenklich stimmen, das kann sehr wohl darauf aufmerksam machen, ob geschichtliche Betrachtungsweise, so, wie man sie gewöhnt ist, in der Tat geeignet ist, sich ein Urteil zu bilden, wie die Wirklichkeit solche Urteile im Ernst herausfordert.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p005 · edition original