Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Dann kann man, meint Karl Lamprecht, sehr deutlich sich abhebend sehen ein Zeitalter, in dem ganz andere Impulse in den Seelenkräften herrschen. Es setzt im zehnten, elften Jahrhundert ein, geht in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, und ich bitte sehr, im Auge zu behalten, dass Karl Lamprecht aus einem gewissen historischen Instinkt heraus die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts festsetzt für das Ende dessen, was er im elften Jahrhundert etwa beginnen lässt und das konventionelle Zeitalter nennt. Während früher aus gewissen Notwendigkeiten heraus sich die moralische und soziale Struktur der Menschen gestaltete, meint er, tritt jetzt die Überlegung schon, obwohl das Alte etwas bleibt, es tritt jetzt die Überlegung in die Struktur hinein: Konventionen. Vertragsmäßig bildet sich zwischen Mensch und Mensch, Gesellschaft und Gesellschaft das genossenschaftliche Leben, das noch weniger die Menschen differenziert, schafft durch dieses Konventionelle mächtige Unterschiede, gliedert die Menschen in Stände; Rittertum und Städtertum, Rittertum und Bürgertum entwickeln sich unter dem Einfluss der konventionellen Impulse. Grundherrlichkeit, Hörigkeit bildet sich heraus als sozial-moralische Struktur gegenüber der Grundherrschaft und dem Pachtverhältnis, die schon früher da waren. Aber im Sozial-Moralischen gliedert sich über diese rein äußerliche notwendige Konfiguration in den Besitzverhältnissen die soziale Konfiguration des Herrschaftsverhältnisses und des Hörigkeitsverhältnisses.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p014 · edition original