Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Das Sonderbare stellte sich mir da heraus, worüber ich höchst überrascht war: Manche Sätze konnte man nehmen, wie sie bei Wilson stehen, kann sie nehmen und übersetzen, und herübersetzen in Werke von Hermann Grimm. Ihrem Wortlaut nach passen sie gut. Und umgekehrt kann man Sätze nehmen, wie sie bei Hermann Grimm stehen, und übersetzen und setzen in Abhandlungen von Wilson. Sie passen hinein. Die Sätze sind vertauschbar. Diese sonderbare Tatsache bot sich mir dar, stellte sich heraus. Umso mehr musste man gerade auf die seelischen Untergründe eingehen, um die es sich da handelt. Bei Hermann Grimm - auch schon bei Karl Lamprecht kann man es sehen - ist ein persönliches Ringen um das historische Urteil. Alles dasjenige, was solche Persönlichkeiten sagen, ist individuell, persönlich erlebt und erkämpft, ist im inneren Ringen mit dem Sinn der Tatsachen unmittelbares persönliches Erlebnis. Dieses Gefühl bekommt man, gerade wenn man recht objektiv die Dinge anschaut. Wie ist es bei Wilson? Gerade da, wo er so recht treffsicher urteilt, da liegt die Sache ganz anders. Ich scheue mich nicht, da ich glaube, dass nach meinem vorgestrigen Vortrag ich mit solchen Bemerkungen in Bezug auf die Terminologie nicht missverstanden werden kann. Ich scheue mich nicht, einen Ausdruck zu gebrauchen, der sehr häufig in abergläubischem Sinn gedeutet wird, von mir aber gewiss nicht, sondern in streng wissenschaftlichem Sinn, wie ich das vorgestern gezeigt habe. Bei Wilson gerade, wenn man eindringt in das Gefüge seiner Sätze, in den Wortlaut seiner Sätze, hat man die Einsicht: Dasjenige, was er sagt, sagt er nicht im unmittelbaren Ringen der individuellen Persönlichkeit mit der Sache, mit dem Objekt, sondern sagt es heraus so, als ob er von dieser Ansicht wie von einer unbekannten Macht besessen wäre, wie besessen von etwas, womit die Seele nur wie entfernt verbunden ist, was aus besonderen Untergründen, die irrationell sind, heraufdämmert in die Seele, wobei man nicht ganz dabei ist, wovon man besessen ist. Und ich muss sagen: Wenn man das treffsichere Urteil nimmt, das Wilson gerade über den amerikanischen Volkscharakter aus dieser Entwicklung seiner Geschichtsbetrachtung heraus gibt, so fühlt man dem Exterieur, möchte ich sagen, des Amerikaners, das er da angibt, etwas an von diesem Besessensein von dem Urteil. Die «rasche Beweglichkeit des Auges», man vergleiche damit, wenn man es so [sagen] darf, die ungemeine Ruhe des Auges eines solchen Menschheitsbetrachters wie Herman Grimm oder anderer mitteleuropäischer Menschheitsbetrachter, die zwar mit ihrer ganzen Seele Kämpfer sind um ihr Urteil, die aber die Ruhe im Auge spiegeln, die nichts haben von jener Beweglichkeit des Auges, durch die dasjenige nach außen dringt, wovon die Seele besessen ist, und ebenso die anderen Charakteristiken, die Woodrow Wilson meint.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p023 · edition original