Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Wer heute eine Bekennerschaft oder Gegnerschaft nur nach Wortlauten einrichtet, der trifft nicht mehr die Wirklichkeit. Man muss heute, wenn man mit den Impulsen, die die Zeit von uns fordert, mitgehen will, man muss heute ein Tieferes in der Seele entwickeln als das bloße verstandes- und vernunftgemäße Aufnehmen, das intellektuelle Aufnehmen eines Wortlautes. Wortlaute bilden heute nicht mehr den Inhalt von Weltanschauungen, denn ein solcher Wortlaut kann erkämpft sein in jeder einzelnen Vorstellung von der individuellen Seele. Dann muss man durch die Art, wie es gesagt wird, Teilnehmer werden können an demjenigen, was in der Seele vorgeht. Oder aber ein solcher Wortlaut kann die Seele von sich besessen machen; dann muss man wiederum tiefer hineinschauen können in manches, was leer und öde ist, selbst wenn es so, wie es frappierend bei Woodrow Wilson und Hermann Grimm ist, die Sätze austauschfähig miteinander sind. Und vielleicht auf keinem Gebiet als da, wo die Gegenwart historisch betrachtet wird, kann man solche Erfahrungen machen.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p025 · edition original