Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Interessant ist es, dass der deutsche Forscher Karl Lamprecht gerade aus einem gewissen Instinkt heraus dazu gedrängt wird, seelische Kräfte der geschichtlichen Betrachtung zugrunde zu legen; aber er lässt unbefriedigt. Warum? Er lässt unbefriedigt, weil er sich an die Seelenbetrachtung, die offizielle Seelenbetrachtung wendet, von der er eben in der Gegenwart umgeben ist. An die Seelenforscher, die heute aus der Reihe der offiziellen Philosophie hervorgegangen sind, wendet er sich. Er fragt bei ihnen an: Was geht in der Seele des einzelnen Menschen vor sich? Das ist schon das Neuartige. Aber er geht von einem großen Irrtum aus. Selbst wenn man annähme, was natürlich der Geistesforscher durchaus nicht annehmen kann, selbst wenn man annähme, die offizielle Psychologie oder Seelenkunde, die heute getrieben wird, sei gegenüber der wirklichen Einsicht in das Seelenleben mehr als ein bloßer Dilettantismus, so würde noch immer das nicht gemacht werden können, was Karl Lamprecht aus einem schätzenswerten Instinkt heraus versucht, mit dem er aber doch scheitern muss. Er versucht, sich klarzumachen: Was sagt der Seelenforscher über die Entwicklung des einzelnen Menschen in Bezug auf seine Seele? Und dann wendet er das, was für die Seelenentwicklung des einzelnen Menschen in der heutigen offiziellen Psychologie zutage tritt, das wendet er auf sein ganzes deutsches Volk an.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p026 · edition original