Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Eine merkwürdig schillernde, die verschiedenen Zeitalter zwar unterscheidende, aber in unendlichen Wiederholungen sich ergehende Charakteristik kam da heraus. Wenn man erkennen will, was da eigentlich zugrunde liegt, so muss man auf etwas hinweisen, was gewiss heute als paradox, vielleicht als phantastisch, vielleicht als Träumerei nur angeschaut werden kann in weitesten Kreisen, das aber eindringen muss in die geschichtliche Betrachtungsart der Menschheit, wenn Geschichte wirklich für das Leben dasjenige werden soll, was man glaubt, dass sie für die Lebenspraxis sein soll. Wenn man den einzelnen Menschen in seiner Seelenentwicklung betrachtet mit demjenigen, was in sein gewöhnliches Bewusstsein hereintritt, so steht man gar nicht auf dem Gebiete, das im geschichtlichen Werden die treibenden Kräfte enthält. Denn warum? Dasjenige, was im moralischen, im geschichtlichen, im sozialen Zusammensein von Mensch zu Mensch wirkt und lebt, das lebt nicht in dem gewöhnlichen Bewusstsein des Menschen.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p027 · edition original