Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Sehr verehrte Anwesende, eine solche Wahrheit in abstracto auszusprechen, wie ich es jetzt getan habe, ist natürlich verhältnismäßig leicht. Wird sie eingeführt in die wahrhaftige Betrachtung des Lebens, so erfordert sie eine streng wissenschaftliche Durchführung. Aber diese streng wissenschaftliche Durchführung führt zu etwas ganz, ganz anderem als die geschichtliche Betrachtung, wie wir sie bisher schulmäßig gewöhnt sind, die, wie ich Ihnen in den einleitenden Worten gezeigt habe, gerade in den wichtigsten Fällen der Lebensbeurteilung so im Stiche lässt. Man braucht nur einmal erkannt zu haben im ganzen Umfang seiner Bedeutung, dass dasjenige, was als geschichtliches, als moralisches und soziales Leben in der Menschheit pulsiert, so betrachtet werden muss, wie es unmittelbar wirkt, wie das Träumen, wie das Schlafen, und man wird sich klar werden: Geschichte muss etwas anderes werden, als man bisher darunter verstanden hat und als selbst Karl Lamprecht [darunter verstanden hat], denn er will die Seele des einzelnen Menschen betrachten und nun dasjenige, was also im wachenden Bewusstsein lebt, auf die geschichtliche Betrachtung anwenden. Da kommt keine Geschichte heraus, weil man damit nicht herandringt an die verträumten und verschlafenen Impulse des Geschehens. Und am wenigsten kommt man heran, wenn man das tut, was im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts immer mehr und mehr getan worden ist, wenn man das, was für die Naturwissenschaft zu so großen, so gewaltigen, so auch von der Geisteswissenschaft gewiss restlos gewürdigten Ergebnissen geführt hat, wenn man die naturwissenschaftliche Denkungsart auf die Geschichte anwenden will, diese naturwissenschaftliche Denkungsart, die ja so recht ein Ergebnis des Intellektualismus der neueren Zeit ist.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p031 · edition original