Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Herman Grimm wusste nicht, dass da eine tiefe Notwendigkeit zugrunde lag. Man versuche nur einmal, dasjenige, was hier für die Betrachtung des einzelnen, individuellen menschlichen Lebens richtig ist, was auch gut ist zur Dirigierung des einzelnen Lebens, nicht [wahr], die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, das Sichhalten an die durch den Intellekt zu erfassenden Tatsachen, auf das geschichtliche Werden anzuwenden. Und man wird sehen gerade bei eingehender guter sachgemäßer Betrachtung des geschichtlichen Lebens, dass man damit nur dasjenige in der Geschichte findet, was in der Geschichte zur abwärtsgehenden Entwicklung jeweils zum Verfalle führt, und dass man niemals durch dasjenige, was die Naturwissenschaft groß macht als Vorstellungsart, etwas anderes finden kann als die Verfallsprodukte der Geschichte, dass man niemals dadurch finden kann die sprießenden, sprossenden Kräfte, weil die für das gewöhnliche Bewusstsein unter der Schwelle des Bewusstseins bleiben und sie erst heraufgeholt werden müssen aus dem Träumenden und Schlafenden durch die Kräfte der Imagination, Inspiration und so weiter, wie sie vorgestern hier als die Methode der Geisteswissenschaft geschildert worden sind.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p033 · edition original