Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Sehr verehrte Anwesende, derjenige, der das Leben kennenlernt, der sich gerade aus der Geisteswissenschaft heraus die Möglichkeit, das Leben zu verstehen, aneignet, der weiß, wie ein Hineinschauen in die werdenden Kräfte des Lebens, in dasjenige, was im Leben zukunftsicher und zukunfttragend ist, niemals aus der bloßen verstandesgemäßen, theoretisierenden, für die Naturwissenschaft glänzenden Vorstellungsweise der Gegenwart stammen kann. Es ist etwas radikal gesprochen, aber man kann es durchaus verantworten: Der Mensch steht darinnen in der Wirklichkeit, muss aus seinem Handeln heraus die Wirklichkeit gestalten; stellt er sich mit dem, was ihm Verstand und Intellekt geben und was ihn in der Naturwissenschaft so groß machen kann, in das soziale, in das moralische Wirken hinein. Will er das regeln, will er dem eine Struktur geben, sei es selbst nur auf äußerlich kommerziellem oder Bankgebiet, so muss er versagen. Versuche man es einmal, ein Parlament, irgendeine Gesellschaft, die berufen ist, soziale Struktur der Menschheit zu geben, zusammenzustellen aus glänzenden, genialen Vertretern des wissenschaftlichen Intellektualismus, der für die Naturwissenschaften so gut ist; solche Parlamente von solchen Gelehrten werden ganz gewiss die soziale Ordnung in Grund und Boden hinein ruinieren, denn sie werden nur diejenigen Impulse geben können, die zum Absterben, zum Verfall dienen können.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p035 · edition original