Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert bis zu der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts hat man im europäischen Leben eine einheitliche moralisch-politische, soziale Konfiguration. Alle Tatsachen, alle Impulse wirken heraus aus einer inneren geistigen Tatsache, die ich, weil ich sie hier kurz bezeichnen muss, damit bezeichnen möchte, dass ich sage: Sie wirkt so, wie sie wirkt von Mensch zu Mensch im geschichtlichen Werden, weil in dieser Zeit die Menschen noch beherrscht sind von einer gewissen instinktiven Art der Verstandeswirksamkeit. Das Seelenleben der Menschen war bis zur Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, von dem siebten oder achten vorchristlichen Jahrhundert angefangen, in gewisser Weise homogen, in einheitlicher Weise gestaltet, aber so, dass der Verstand, der heute individuell erfasst und erlebt wird, wie ein Instinkt wirkte; und alle Ereignisse, alles dasjenige, was die Menschen wollten, alle Kulturoffenbarungen, man begreift sie in dieser Zeit nur, wenn man auf diese besondere Art der Seelenwirksamkeit eingehen kann, wo der Verstand instinktiv wirkt, wo noch nicht die Überlegung eine große Rolle spielt, wo elementar aus der Menschenbrust heraus Ereignisse geschehen, die jetzt nur geschehen können, wenn der Mensch lange Überlegungen hinter sich hat.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p039 · edition original