Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft
Die gewöhnliche historische Dokumentenforschung, sie führt zurück heute ja schon ziemlich weit gegenüber früheren Zeiten; aber wirklich zu einen Verständnis, das aus Vergleichung der verschiedenen irdischen Entwicklungsepochen hervorgehen kann für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, kommt man erst dann, wenn man viel weiter gehen kann durch schauendes Bewusstsein, durch den Einblick des schauenden Bewusstseins in die Menschheitsentwicklung, als es historische Dokumente geben können. Man wird [das] selbstverständlich gerade natürlich als Phantasterei verschreien - das mag sein —, aber wahr ist es doch, dass dasjenige, was ich vorgestern hier geschildert habe als die drei Grundlagen des wahren, nicht phantastischen, nicht abergläubischen hellsehenden Bewusstseins in Imagination, Inspiration und Intuition, dass das dazu kommt, von innen schauend die Entwicklung der Menschheit auf der Erde zu verfolgen. Da kommt man dann, jetzt nicht an der Hand äußerer Dokumente, sondern das Seelenleben prüfend, durch inneres geistiges Anschauen noch weiter zurück als in eine solche Zeit, die im siebten, achten Jahrhundert vor Christus liegt, kommt man zurück zu einer Zeit, die wiederum ein paar Jahrtausende vorher Platz gegriffen hat, man kommt zurück zu denjenigen Zeiträumen, die sich anschließen an jene bedeutsame Katastrophe im Erdengeschehen, von denen die Geologie berichtet als der Eiszeit, von denen die verschiedenen Volkstraditionen berichten als der Sintflut, die natürlich viel weiter zurückgelegt werden muss, als die Tradition sagt; man kommt in uralte Zeiten zurück, in die kein äußeres Dokument, kein literarisches Denkmal mehr reicht, aber in die geistiges Schauen reicht - ich kann heute nur die Ergebnisse andeuten -, man kommt in eine uralte Vergangenheit zurück, wo eine Kultur gelebt hat, aus der dann später dasjenige hervorgegangen ist, aber in viel späterer Zeit, was als Kultur des alten Indiens bestanden hat. Darüber berichtet die Sanskritliteratur, was aber ein späteres Produkt ist als das, was ich hier eigentlich meine in der Menschheitsentwicklung. Man kommt zurück in ein Zeitalter, in dem die menschliche Seele unter ganz anderen Verhältnissen gewirkt hat.
Cite:
GA 71b/1918-05-03/p041 · edition original