Der Mensch und das geschichtliche und moralische Leben der Menschheit nach Ergebnissen der Geisteswissenschaft

GA 71b/1918-05-03/p042 ·1918-05-03 · original (original)
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Es ist heute ein Vorurteil, dass die menschliche Seele seit der Zeit, seit der man sie verfolgen kann, sich nicht verändert habe. Oh, sie hat sich gar schr verändert. Geht man zurück mit geisteswissenschaftlicher Anschauung in den ersten Zeitraum nach der großen eiszeitlichen Epoche der irdischen Entwicklung, der insbesondere in der altindischen Kultur seine Höhe erreicht hat, so trifft man auf eine ganz andere Art des Menschentums, aus der Impulse hervorgehen mussten, die ganz anders sind als die späteren; man trifft auf eine Menschenart, die so entwicklungsfähig blieb bis in ein hohes Alter, wie wir nur entwicklungsfähig sind in den ersten Kindheitsjahren. Wir sind da entwicklungsfähig, sodass wir miterleben - wir erleben es noch in Dumpfheit mit -, was im Zahnwechsel eintritt zum Beispiel, wir erleben das Leiblich-Körperliche im Seelischen mit. Wie lebt der Mensch in der Jugend die Geschlechtsreife mit, das Leiblich-Körperhafte im Geistig-Seelischen! Aber das hört für unsere Zeit auf in den Zwanzigerjahren. Gewisse frühreife Kinder - das darf man nur heute gar nicht sagen - glauben sogar, dass es noch cher aufhört, diese Abhängigkeit des Geistig-Seelischen von dem Leiblich-Physischen. Zum Schreiben «unter dem Strich» glaubt man sich ja noch früher reif als mit zwanzig Jahren. Bis daher dauert auch die Abhängigkeit von dem Leiblich-Körperhaften. Dann aber hört das auf. Ich meine nicht die äußerliche Abhängigkeit, die in der Ermüdung des Leibes auftritt, in der Ergrauung der Haare, in den Runzeln des Gesichtes - das ist äußerliche Abhängigkeit.

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