{"corpus":"steiner","locus":"GA 72/1917-10-18/p044","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun muß man immer wieder und wieder betonen, um nicht mißverstanden zu werden, daß es der Geisteswissenschaft so fern als möglich liegt, die Naturwissenschaft zu verkennen; dem, was die Naturwissenschaft auch in der neueren Zeit über die Geheimnisse des Nervenlebens, über die Geheimnisse des menschlichen Organismus überhaupt gebracht hat, dem soll sein Wert nicht genommen werden. Aber der Wert liegt auf einem anderen Gebiete als auf dem der Seelenerkenntnis. Man kann das bloße Denken sich überlassen, dann verhungert man, ist einem Verhungernden ähnlich; aber zur Erkenntnis des Seelenlebens sich bloß der äußeren Beobachtung zu überlassen, welche die Naturwissenschaft, die Anatomie, die Physiologie, die Biologie gibt, das gleicht von der anderen Seite dem Hineinführen in den menschlichen Organismus nicht von brauchbaren Nahrungsmitteln, sondern von allerlei Zeug, das unverdaulich ist. Wenn man sich den Magen anfüllt mit unverdaulichen Steinen oder mit dergleichen, so ist eben der menschliche Organismus nicht imstande, aus diesem unverdaulichen Zeug etwas zu machen. So kann man, wenn man die naturwissenschaftlichen Ergebnisse einfach so nimmt, wie sie sind, sie seelisch nicht verarbeitet, auch nicht annehmen, daß daraus irgendeine Aufklärung über die geistige Welt, über das Leben der Seele im Bereich des Übersinnlichen entsteht. Man hat sich in der neueren Zeit den verschiedensten Vorstellungen überlassen, die erklären sollen, wie eigentlich die Seele zum Leibe steht. Nicht nur, daß da die sonderbarsten Märchen herumschwirren in dem, was man oftmals Wissenschaft nennt. Märchen, Aberglaube, man will ihn ja aus dem äußeren Leben ausmerzen, in der Wissenschaft floriert er oftmals so stark, wie er nur jemals im Leben floriert hat, nur bemerkt man ihn in der Wissenschaft ebensowenig, wie man ihn damals im äußeren Leben bemerkte. So das Märchen von den Telegraphendrähten: daß die Nerven selber Telegraphendrähte wären nach der Seele hin, welche die äußeren Sinneseindrücke weiterleiten, dann wiederum andere Nerven, welche die Willensimpulse nach der Peripherie des Leibes lenken. Von diesem Märchen, von diesem immer wieder und wiederkehrenden Vergleiche möchte man schon gar nicht reden, denn was mit diesem Vergleich gemeint wird, ist ganz fern von dem wirklichen Tatbestand und entspringt nur einem eben nicht bemerkten wissenschaftlichen Aberglauben.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Menschenseele im Reiche des Übersinnlichen und ihr Verhältnis zum Leib","site_heading":null,"date":"1917-10-18","location":null,"word_count":346,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/72/1917-10-18/p044","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/72/1917-10-18/p044"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/72/1917-10-18/p044","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}