Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Ideen der Freiheit und des sozial-sittlichen Lebens

GA 72/1917-11-30/p042 ·1917-11-30 · original (original)
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Es ist merkwürdig, wie wenig man geneigt ist, auf solche Dinge einzugehen. Der große Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat sich eingelassen auf eine Betrachtung des Traumlebens. Er hat das interessante Buch über die Traumphantasie von Johannes Volkelt kritisiert und eine Abhandlung darüber geschrieben. Da war man flugs geneigt, ihn zum Spiritisten zu machen, obwohl er gewiß nicht im falsch mystischen Sinn sich auf solche Sachen einließ. Nun, was macht man nicht alles aus dem Menschen, wenn man ihm irgend etwas anhaben will. Aber Vischer wußte, daß die Menschen lange gut sagen können: Was sich im Traume äußert, ist phantastisches Zeug. - Gewiß ist es phantastisches Zeug, aber in diesem phantastischen Zeug lebt dasjenige, was urewiger Wesenskern der Seele ist. Und wenn der Mensch nicht bereit ist, bei vollem wachen Tagesleben, durch das wache Tagesleben, durch das, was man schauendes Bewußtsein nennen kann, Vorstellungen von solcher Stärke zu entwickeln, wie sie sonst nur der Traum hat, dann ist er überhaupt nicht imstande, in das Ewige der Menschenseele hineinzuschauen. Will man in das Ewige der Menschenseele hineinschauen, so muß man imstande sein, dasjenige, was im Traume unwillkürlich arbeitet, zum willkürlichen, zum völlig freien Bewußtsein zu erheben.

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Cite: GA 72/1917-11-30/p042 · edition original