Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Ideen der Freiheit und des sozial-sittlichen Lebens

GA 72/1917-11-30/p045 ·1917-11-30 · original (original)
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Alles das, was in unserem Gefühle lebt, das träumen wir während des Wachens. Was in unserem Willen lebt, das ist uns im wachen Tagesleben nicht mehr bewußt, als das dumpfe, eben gar nicht mehr wahrnehmbare Bewußtsein während des Schlafes. Gerade deshalb haben die Menschen auf philosophischem Gebiete sich immer gestritten, ob der Wille frei sein könne oder nicht frei sein könne, weil sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, auch wenn sie noch so erleuchtete Philosophen sind, in das Getriebe der Seele, wenn sie sich im Willen äußert, ebensowenig hineinschauen können, wie sie in dasjenige hineinschauen, was die Seele erlebt während des tiefsten traumlosen Schlafes. Denn das Willensleben in seinem eigentlichen Geheimnisse wird tatsächlich nicht nur verträumt, es wird im gewöhnlichen Bewußtsein verschlafen. Wir wissen nichts weiter von irgendeiner Handlung, die wir begehen, von irgend etwas, das wir hineinstellen in das Leben, als was von der Sinneswahrnehmung bis zum Vorstellen reicht. Sie können sich selbst davon überzeugen, daß naturwissenschaftlich gründlich denkende Psycho-Physiologen auf diese Sache schon gekommen sind, wenn sie das sehr bedeutende Buch über Psychologie von Theodor Ziehen studieren: daß man stehenbleiben muß bei der Willensanlage, beim Willensimpuls, bei der Vorstellung; daß man weiter nicht hinunter kann. Dann erst tritt auf die fertige Handlung, die wieder in die Vorstellung eintritt. Was zwischen der fertigen Handlung und der Vorstellung liegt, das ist ebenso in die Dumpfheit des Bewußtseins eingetaucht beim wachen Tagesleben, wie das in die Finsternis eingetaucht ist, was der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, wenn kein Traum durch seinen Schlaf zieht.

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Cite: GA 72/1917-11-30/p045 · edition original