Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Ideen der Freiheit und des sozial-sittlichen Lebens

GA 72/1917-11-30/p076 ·1917-11-30 · original (original)
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Vom 16. Jahrhundert ab beginnt in der Tat das europäische und das zum Europäischen gehörende Leben so, daß neben dem, was man sonst konventionell in der Geschichte erzählte - Geschichte ist ja doch meist eine Fable convenue, wie sie in den Schulen gelehrt wird -, daß neben dem, was man so erzählt als wirkliche Geschichte, Klassenkämpfe da sind, materielle Impulse da sind. Das, was heraufgekommen ist bis in das Zeitalter, wo Karl Marx schildert - er schildert einseitig, aber er schildert nicht ganz mit Unrecht —, das, was in dem Augenblicke, wo er versucht, Begriffe des gewöhnlichen Bewußtseins darauf anzuwenden, schon ausgeträumt war von der Menschheit, was damals Wirklichkeit war, als die Menschheit geträumt hat, das wird in gewöhnliche Begriffe gefaßt. Aber nun stellt sich heraus: Wird nicht angewendet die Methode der Geisteswissenschaft, die aus der Wirklichkeit heraus ist, dann findet man aus dem, was man so mit gewöhnlichem Bewußtsein erfassen will, nichts in den sozialen Vorgängen für das, was weitergehen kann; man findet nichts Anwendbares für das Weiterleben. Karl Marx’ Schilderung ist richtig für eine gewisse Einseitigkeit des Lebens, für die letzten Jahrhunderte. Sie ist nicht mehr anwendbar, nachdem die Menschheit ausgeträumt, dasjenige ausgeschlafen hat, was er schildert. Es ist tatsächlich so: Wenn man wirklichkeitsgemäße Begriffe gewinnt, so kann man nicht sagen, daß man das, worauf es ankommt, aus der äußeren Erfahrung ablesen könne, wie es die Naturwissenschaft machen muß. Wer in irgendeiner Stellung des Lebens, in irgendeiner Position des Lebens eingreifen muß in die soziale Struktur, der muß wirklichkeitsgemäße Begriffe haben. Aber diese wirklichkeitsgemäßen Begriffe können nicht vom Leben abgelesen werden. Vom Leben abgelesen werden kann nur das, was das gewöhnliche Bewußtsein erfaßt.

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Cite: GA 72/1917-11-30/p076 · edition original