{"corpus":"steiner","locus":"GA 73/1918-10-08","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08","ga":"73","lecture":"1918-10-08","lecture_number":null,"title":"Ist Eine Übersinnliche Erkenntnisweise Wissenschaftlich zu Begründen?","site_heading":null,"date":"1918-10-08","location":null,"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"passage_count":64,"word_count":9636,"translation_credit":null,"witnesses":[{"lang":"de","edition":"original","is_original":true,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":64,"passage_count":64,"word_count":9636},{"lang":"en","edition":"English","is_original":false,"is_default_edition":true,"first_passage":1,"last_passage":72,"passage_count":72,"word_count":10481,"completeness":{"ratio":1.09,"band":"comparable","note":null}}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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Nun hat ein offizieller Vertreter der Philosophie der Gegenwart, Richard Wahle, einen merkwürdigen Ausspruch aus dem Bewußtsein der gegenwärtigen Zeit heraus gerade über die Philosophie getan, nicht nur über die Philosophie der Gegenwart, sondern auch über die Philosophie früherer Zeiten. Er sagte, die Philosophen früherer Zeiten glichen Besitzern von Restaurants, in denen von allerhand Köchen und Kellnern ungesunde Speisen bereitet und dargeboten worden wären. Dagegen die Philosophie der Gegenwart gliche einem Restaurant, in dem unnützerweise die Köche und Kellner herumstehen und überhaupt gar nichts Brauchbares mehr bereiten. — Mit diesen «Köchen und Kellnern» meint Richard Wahle die Philosophen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p004","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p004","passage_number":4,"word_count":122,"text":"Nun ist das gewiß ein sonderbarer Ausspruch. Dennoch, man kann sagen, er ist in gewissem Sinne aus dem Bewußtsein unserer gegenwärtigen Zeitbildung heraus getan. Man brauchte ja nicht der naiven Meinung zu sein, daß sich das große Publikum mit seiner Weltanschauung immer richte oder belehren lasse von den einsamen Propheten und sinnenden Philosophen. Allein die Bedeutung dessen, was die Philosophen sagen, liegt auf einem anderen Felde. Man muß deren Aussprüche als Symptome nehmen. Dasjenige, was sie sagen, ist in gewissem Sinne — nur auf eine besondere Art — gesprochen aus dem allgemeinen Bewußtsein irgendeiner Zeit. Und dasjenige, was ihren Aussprüchen als Impulse zugrunde liegt, das liegt im Unterbewußten der Seelen der Menschen in irgendeinem Zeitalter. Daraus bilden sie sich ihre Weltanschauung heraus."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p005","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p005","passage_number":5,"word_count":303,"text":"In unserer gegenwärtigen Frage über das geistige Leben müssen die Dinge auch anders beurteilt werden können als aus gewissen naturwissenschaftlichen Anschauungen heraus. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben. Die Sache ist so, daß alles dasjenige, was neu gefunden wird, oder wovon man glaubt, daß es gefunden werden könne in den großen Weltanschauungsfragen, von der allgemeinen Meinung heute schon einmal nach den Anschauungen der Naturwissenschaft beurteilt wird, wenigstens empfindend beurteilt wird. Und zu rechtfertigen gewissermaßen vor dem naturwissenschaftlichen Bewußtsein hat sich heute selbst dasjenige, was aus den tiefsten Untergründen des sittlichen, des religiösen Lebens der Menschheit hervorquillt. Daher muß eine Weltanschauung, die auf die übersinnlichen Erkenntnisse geht, vor allen Dingen heute darauf bedacht sein, ihre Auseinandersetzung zu halten mit demjenigen, was die wissenschaftlichen Forderungen der Naturerkenntnis der Gegenwart sind. Aber gerade darinnen sind Verwechslungen und Mißverständnisse mit Bezug auf das, was hier als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint ist, nur zu naheliegend, man möchte sagen, selbstverständlich. Und ich möchte daher diese Vortragsserie heute damit beginnen, daß ich versuchen werde, wissenschaftliche Begründungen — wenigstens im allgemeinen — vor Ihnen vorzubringen für dasjenige, was als übersinnliche Erkenntnis von dieser Anthroposophie angestrebt wird. Ich werde dabei allerdings gerade für den heutigen Vortrag, der weniger populär sein kann als die folgenden drei, Sie um Entschuldigung bitten müssen, da manches scheinbar abstrakter klingen wird, was ich auseinanderzusetzen habe, obwohl es für denjenigen, der in der hier gemeinten Geisteswissenschaft drinnensteht, recht konkrete Erlebnisse sind. Aber es wird auch nicht in allen Einzelheiten der Weg charakterisiert werden können, den anthroposophische Geisteswissenschaft in die übersinnliche Welt hineinführt, sondern es wird nur angedeutet werden können, in welcher Art die auch vor der Naturwissenschaft bestehenden wissenschaftlichen Beweise für sie in der Gegenwart gesucht werden müssen. Die folgenden Vorträge werden die einzelnen Belege gerade auch in bezug auf das Beweisende der Geisteswissenschaft zu erbringen haben."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p006","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p006","passage_number":6,"word_count":92,"text":"Vor allen Dingen ist ein Mißverständnis dadurch hervorgerufen, daß diese Anthroposophie sehr leicht auf der einen Seite von naturwissenschaftlichen Forschern und Denkern und solchen, die sich in populärer Weise eine Weltanschauung auf Grund der Naturwissenschaft zu bilden glauben, als der Naturwissenschaft gegenüber gegnerisch genommen wird. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht nur nicht gegnerisch gegenüber der Naturwissenschaft dasteht, sondern daß sie im Gegenteil dasjenige, was Naturwissenschaft anstrebt, gerade bis in ihre letzten Konsequenzen verfolgt, daß sie den geistigen Sinn des naturwissenschaftlichen Beweisverfahrens weitertreibt als die Naturwissenschaft selbst."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p007","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p007","passage_number":7,"word_count":141,"text":"Ein weiterer Einwand, der sich sehr leicht, und ich möchte wieder sagen, selbstverständlich ergeben kann, ist der, den man ja macht, wenn man so etwas, was als übersinnliche Erkenntnisanschauung auftritt, verwechselt mit allerlei althergebrachten Traditionen. Es ist der Einwand, der sich dem auf eine leichte Weise ergibt, der nur oberflächlich und von außen, gewissermaßen noch weit außen sich über diese Geisteswissenschaft unterrichtet. Es ist der Einwand, man habe es in einer solchen Geisteswissenschaft doch nur mit allerlei mystischen, das heißt — wie man sich vorstellt dunklen, unklaren Begriffen und Vorstellungen zu tun, die nicht aus derjenigen Gegend der Seele herkommen, wo das reife wissenschaftliche Denken sich gründet. Auch mit diesem Einwand brauche ich mich nicht unmittelbar zu befassen. Er muß wegfallen, wenn ich zeigen werde, wo zunächst der vom vollen seelischen Leben aus genommene Ausgangspunkt der hier gemeinten geistigen Forschung liegt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p008","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p008","passage_number":8,"word_count":174,"text":"Von zwei Erlebnissen, die tief sich begründen müssen im seelischen Erleben, hat anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft auszugehen. Das erste ist ein Erlebnis, das gemacht werden kann gerade an der Naturerkenntnis, an der richtig verstandenen Naturbeobachtung. Wer sich intim einläßt auf dasjenige, was die Naturbeobachtung im Menschen an Erlebnissen erzeugt, was sie an einfachen Forderungen stellt, der wird merken, daß das Reden über gewisse Grenzen, welche alle Naturerkenntnis hat, in gewissem Sinne einen guten Sinn hat, auf der anderen Seite aber völlig in Mißverständnisse hinein sich verirrt. Wenn man nicht theoretisch, nicht in dem Glauben an gewisse naturwissenschaftliche Dogmen, sondern mit gesunder Seelenverfassung an das naturwissenschaftliche Denken herangeht, wenn man erlebt mit dem naturwissenschaftlichen Denken an der Naturbeobachtung, an dem unmittelbaren Wahrnehmen der Naturerscheinungen und Naturdinge, dann wird einem klar, daß diese Naturwissenschaft als solche, überhaupt alle Naturerkenntnis, an gewisse Grenzen gelangen muß. Und die Frage entsteht nur, ob diese Grenzen naturwissenschaftlichen Erkennens Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt sind. Wer in diesem Punkte nicht richtig versteht, der wird alle möglichen Einwände gerade gegen Geistesforschung erheben können."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p009","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p009","passage_number":9,"word_count":83,"text":"Da ich mir die Aufgabe stellen möchte, heute zu zeigen, daß diese Geistesforschung durchaus, obzwar sie die Begründung einer populären Weltanschauung für alle Menschen jedes Bildungsstandes sein will, doch sich auseinanderzusetzen hatte, ehe sie sich begründet hat, mit allen philosophischen und wissenschaftlichen menschlichen Grenzfragen im ernsten Wissen — da ich mir diese Aufgabe stellen will, so muß ich eben schon, wie ich gesagt habe, in scheinbar abstrakter Form gerade auch auf solche Grenzfragen des naturwissenschaftlichen Erkenntnis im unmittelbaren Erleben mit der Naturwissenschaft eintreten."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p010","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p010","passage_number":10,"word_count":428,"text":"Man kommt, wenn man die Natur beobachtet, zu gewissen Annahmen, welche Vorstellungen hervorrufen, bei denen man sagen muß: Hier sind die Eckpfeiler naturwissenschaftlicher Forschung; hier kommt man nicht weiter, hier kann man nicht mit dem Denken restlos in die Erscheinungen untertauchen, hier bleibt irgend etwas unbestimmt, hier sind eben Erkenntnisgrenzen. Nun könnte ich viele solche naturwissenschaftliche Begriffe anführen, welche Erkenntnisgrenzen darstellen; aber man braucht ja nur an die populärsten, ich möchte sagen, an die trivialsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen heranzugehen und man wird finden: sie sind gleichsam zu dicht, als daß menschliches Erkennen unmittelbar in das, was vorliegt, eindringen kann. Man braucht sich nur zum Beispiel an zwei Vorstellungen zu wenden, an die Vorstellung der Kraft und an die Vorstellung des Stoffes. Mathematische Klarheit über das Wesen der Kraft und namentlich des Stoffes wird man vergeblich suchen, wenn man streng auf dem Boden gerade der Naturbeobachtung stehenbleiben will. Und man bekommt - allerdings in etwas anderer Weise, eigentlich in radikal anderer Weise als durch den Kantianismus, wenn man erlebt, wie man sich gleichsam stößt an solchen Hindernissen, wie Kraft und Stoff, wenn man naturwissenschaftlich forscht und beobachtet -, man bekommt den Eindruck, wie dieses Stoßen an dem Menschen selbst liegt. Man bekommt den Antrieb, nicht außen in der Welt zu forschen, sondern gegenüber diesen Fragen vor allen Dingen zu fragen: Wie ist der Mensch eingerichtet? Wie liegt es an dem Menschen selbst, daß er sich an solchen Hindernissen mit seiner Naturbeobachtung stoßen muß? Und man untersucht dann — wie gesagt, ich charakterisiere den Weg der Beweiskraft -, was es eigentlich in der menschlichen Seele ist, was verursacht, daß wir an solche Grenzen kommen; und man findet, daß allerdings gewisse Seelenkräfte da sind, die uns verhindern, mit dem denkenden Erkennen zum Beispiel in Kraft und Stoff unterzutauchen. In dem Augenblicke, wo wir wirklich untertauchen wollen, verhindert uns unsere eigene Seelenverfassung, das Denken restlos anzuwenden. Wir können nicht das nach Naturgesetzen drängende Denken restlos anwenden. Wir müssen übergehen dazu, so etwas wie Kraft und Stoff durch andere Seelenkräfte aufzunehmen, uns mit ihnen zu vereinigen. Wir müssen es übergehen lassen in Empfindungen, in Anschauungen, in dasjenige, was sehr mit dem Fühlen verwandt ist, das von dem Denken in unmittelbarem Gedankenlichte nicht mehr zu erreichen ist. Und wir fühlen dann in unmittelbarem Erleben, daß dieser Übergang von dem Denken zum dunklen Fühlen unsere Grenzen im naturwissenschaftlichen Vorstellen bestimmt. Und dann frägt man sich: Was haben wir als Menschen, die gesund leben wollen im äußeren Dasein zwischen Geburt und Tod, was haben wir von denjenigen Seelenkräften, die uns so hindern, jenseits der naturwissenschaftlichen Grenzen hinzukommen?"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p011","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p011","passage_number":11,"word_count":75,"text":"Indem wir den Charakter dieser Seelenkräfte untersuchen, die uns so hindern, haben wir dann den Eindruck, daß es sehr wichtige, bedeutungsvolle Seelenkräfte sind. Wirkönnen uns fragen in innerer Seelenbeobachtung, zu der wir uns gewöhnt haben müssen, wenn wir Geistesforscher werden wollen, wir können erkennen in unmittelbarer Seelenbeobachtung, wie dieselben Kräfte, die uns nicht eindringen lassen in Kraft und Stoff, die Kräfte sind, die uns als Menschen befähigen der Liebe zu anderen Wesen in der Welt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p012","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p012","passage_number":12,"word_count":115,"text":"Untersuchen wir das Wesen der Liebe. Versuchen wir einzudringen in unsere Seelenverfassung, um diejenigen Kräfte kennenzulernen, die uns liebefähig machen: Wir finden, es sind dieselben Kräfte, die uns nicht untertauchen lassen mit dem kalten Erkennen, mit dem bloßen Denken in solche Eckpfeiler naturwissenschaftlicher Erkenntnis wie Kraft und Stoff oder vieler ähnlicher Dinge. Wir müßten als Menschen ganz anders organisiert sein, als wir sind, wir müßten als Menschen ungeeignet sein, auf unserem Lebenswege Liebe zu anderen Menschen zu entwickeln, Liebe zu anderen Wesen zu entfalten, wenn wir nicht an naturwissenschaftliche Grenzen kommen könnten. An der Liebefähigkeit liegt es, daß wir zu naturwissenschaftlichen Grenzen kommen müssen. Das geht in unmittelbarem Erleben mit der Naturwissenschaft dem Erkenner auf."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p013","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p013","passage_number":13,"word_count":70,"text":"Dann allerdings ergibt sich eine andere Erkenntnistheorie, eine viel lebensvollere Erkenntnistheorie als die abstrakte Kantische. Dann sieht man, wenn man das durchschaut hat, in einer ganz anderen Weise auf die Welt und die menschliche Naturerkenntnis hin als früher. Dann sagt man sich: Was würde aus den Menschen werden, wenn sie nicht naturwissenschaftliche Grenzen hätten? Es würden kalte, lieblose Menschen sein! Das ist das erste Erlebnis, welches der Geistesforscher haben muß."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p014","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p014","passage_number":14,"word_count":127,"text":"Das zweite Erlebnis ist dasjenige, das er haben muß mit der Mystik. So wie er sich auf der einen Seite an die Naturwissenschaft wendet, um gerade im rechten Sinne Naturwissenschaft und Naturbeobachtung zu treiben und dadurch erkennt, warum diese Naturbeobachtung Grenzen hat, so wendet er sich nach der anderen Seite hin an die Mystik, um nicht über sie abzusprechen aus Vorurteilen heraus, sondern um ein Erlebnis an ihr zu haben, um sich wirklich lebensvoll fragen zu können: Ist durch Mystik vielleicht möglich, dasjenige zu erringen, was auf naturwissenschaftlichem Wege nicht zu erringen ist: ein Erringen derjenigen Sphäre, die jenseits der Grenze der Sinnesbeobachtungen liegt? Kann man durch Untertauchen in das eigene Selbst - dies ist ja der Weg der Mystik — den Rätseln des übersinnlichen Daseins näherkommen?"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p015","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p015","passage_number":15,"word_count":306,"text":"Und auch da entdeckt der Geistesforscher, daß sich eine bedeutsame menschliche Erkenntnisgrenze ergibt. Gewiß, der mystische Weg, der den Menschen hinunterführen soil in die Untergründe der Seele, bietet innere Seligkeiten; er bietet auch etwas wie eine Aussicht, sich zu vereinigen mit den geistigen Weltenkräften des Daseins. Allein der Geistesforscher muß vorurteilslos die mystischen Erlebnisse verfolgen, und gerade dann findet er, daß sein Weg der Weg gewöhnlicher Mystik nicht sein kann; denn diese Mystik kann vor allen Dingen nicht über das Wesen des Menschen selbst aufklären. Warum nicht? Man findet wiederum, indem man mystisch untertaucht in das eigene Innere, gewisse, ich möchte sagen Rückschlagekräfte. Man kann nicht hinunter. Und derjenige, der so ernst, wie es die hier gemeinte Geistesforschung will, Seelenbeobachtung treibt, der wird kritischer, als es der gewöhnliche Mystiker ist. Der gewöhnliche Mystiker glaubt sehr oft, wenn er untertaucht in die Untergründe seiner Seele, da fände er irgend etwas, was aus einer höheren Welt in diese Untergründe der Seele hineinleuchte, so ohne weiteres auf dem Wege des gewöhnlichen mystischen Hellsehens. Der Geistesforscher, der sich Kritik angeeignet hat, weiß, wie eigentlich für das gewöhnliche Bewußtseinsleben dasjenige verwandelt wird, was schon in der Seele an Erinnerungen, an Reminiszenzen von Erlebnissen vorhanden ist, wie dasjenige, was so vorhanden ist, wirkt und webt. Man glaubt, daß dieses, was im Grunde aus verborgenen, unterbewußten Erinnerungen herauskommt, was aus Erlebnisreminiszenzen heraufsprudelt, wie das etwas Fremdes ist, das uns auf dem Wege der Mystik in eine höhere Welt hineinführt. Man lernt gerade durch Geistesforschung fein erkennen, wie man im Grunde nichts anderes findet, wenn man da hinuntertaucht, als sein eigenes Leben und Weben. Dieses Leben und Weben muß allerdings vielfach verändert werden. Dadurch erkennt man nicht wieder, was man vor Jahren erlebt hat. Es tritt in anderer Form auf. Man hält es für ein ursprüngliches Erlebnis. Die Täuschungsquellen auf diesem Gebiete sind ungeheure."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p016","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p016","passage_number":16,"word_count":155,"text":"Für den wahren Geistesforscher ergibt die Untersuchung dieses Weges, daß er innerhalb des mystischen Weges ebenso Grenzen anerkennt wie innerhalb des naturwissenschaftlichen Weges. Und wiederum frägt er sich: Was hindert uns, hinunterzusteigen in die eigenen Seelengründe, so daß wir uns selbst nicht erkennen können auf einem mystischen Wege? — Und man findet, daß, könnten wir uns erkennen auf mystischem Wege, wäre nicht die gewöhnliche Mystik fast immer Täuschung, fänden wir das ewige Wesen von uns selbst auf dem Wege dieser gewöhnlichen Mystik, dann könnten wir als Menschen keine erinnerungsfähigen Wesen sein. Dasselbe in uns, was uns zu erinnerungsfähigen Wesen macht, dasselbe in uns, was enthält durch eine gewisse Rückschlagekraft dasjenige, was wir erlebt haben, das hindert uns, mit der mystischen Kraft in jene Tiefen hinunterzudringen. Weil wir, wenn wir ein gesundes Leben hier auf dieser Erde zwischen Geburt und Tod führen wollen, die Erinnerungsfähigkeit brauchen, deshalb kann Mystik als Selbsterkenntnis nicht ein wahrer Forschungsweg sein."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p017","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p017","passage_number":17,"word_count":73,"text":"So muß der Geistesforscher innerhalb der Mystik die Grenzen finden, die an demselben Orte gegeben sind, aus dem die Erinnerungsfähigkeit des Menschen quillt. Und so wahr es ist, daß wir ohne Erinnerungsfähigkeit und ohne Liebefähigkeit nicht Menschen wären, so wahr ist es, daß wir wegen dieser unserer Organisation auf dem gewöhnlichen Bewußtseinswege weder jenseits der Grenze des Naturwissens das Übersinnliche finden können, noch es finden können durch mystische Versenkung in das eigene Wesen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p018","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p018","passage_number":18,"word_count":175,"text":"Daher sucht die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geistesforschung nun denjenigen Weg, der sich dann ergibt, wenn man alles erlebt hat, was für die Seelenverfassung aus diesen zwei Erlebnissen heraus zu gewinnen ist. Diese Erlebnisse selbst sind anspornend, sie drängen, wenn sie in die Seele eindringen, die Seele zum Beobachten. Zunächst drängt dasjenige, was sich ergibt über die Richtung der Naturerkenntnisse, dazu, sich zu fragen: Wie steht es denn eigentlich mit unserem Verkehr mit der Natur? Was ist denn eigentlich das Wesen dieser Naturerkenntnis? Derjenige, der vorurteilslos sich aufklärt über das Wesen dieser Naturerkenntnis, er erfährt, daß diese Naturerkenntnis entsteht, indem wir denkend wahrnehmen, was lebendig unsere Sinne hinsenden nach dem Naturdasein. Wir fassen das Naturdasein, indem wir erkennen wollen, nicht einfach als Naturdasein auf, sondern wir durchdringen es mit Gedanken. Wir haben ein unmittelbar berechtigtes Gefühl, indem wir so denkend die Naturerkenntnisse zusammenfassen, dadurch, daß uns aufleuchten die Gesetze des Naturgeschehens. Wir haben dann ein unmittelbar berechtigtes Bewußtsein, daß wir in einem irgendwie gearteten Sein verharren. Wir fühlen uns gewissermaßen wahrnehmend auch als seiende Wesen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p019","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p019","passage_number":19,"word_count":42,"text":"Gewiß, es kann nun vieles philosophisch gegen diesen Satz eingewendet werden; allein, er soll ja auch nicht in weiteren Grenzen behauptet werden, als sich ergibt, wenn man nichts anderes ausdrücken will, als was der Mensch erlebt, wenn er denkend die Natur wahrnimmt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p020","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p020","passage_number":20,"word_count":255,"text":"Anders wird die Sache, wenn wir die Wahrnehmung verlassen. Wir tun das ja auch als Menschen. Wir nehmen nicht bloß wahr, sondern wir sehen manchmal auch etwas von der Wahrnehmung ab. Wir denken dann nach, wie wir sagen, wir denken weiter. Nun leben wir heute in einem Zeitalter, wo man dieses Weiterdenken, dieses Denken, ohne daß man wahrnimmt, dieses auf die Wahrnehmung folgende Denken, nicht besonders aufbauen kann auf Grundlage desjenigen Denkens, das man sich auch herandisziplinieren kann an der strengen Naturwissenschaft. Und ich spreche hier insbesondere jetzt von einem Nachdenken, das nicht auf beliebige Weise erwachsen ist, sondern das gerade demjenigen sich ergibt, der sich gewöhnt hat an strenge naturwissenschaftliche Naturbeobachtung und Verarbeitung dieser Beobachtung. Von diesem Denken, das man in sich heranerziehen kann durch naturwissenschaftliche Beobachtung, wenn man dies dann weiterführt ins Nachdenken hinein, von dem spreche ich. Von jenem Denken spreche ich, das dann verläuft, wenn man sich zurückzieht von der Beobachtung, aber mit dem vollen Bewußtsein sich zurückzieht, indem man auch wieder hinblickt auf dasjenige, was die Naturbeobachtung gibt, von diesem Denken spreche ich. Wenn man sich mit diesem Denken wiederum so recht hineinlebt in das Wesen der Geistesforschung -— in ihr beruht alles auf Beobachtung -, ergibt sich nun eine Erfahrung, von der nichts Geringeres zu sagen ist, als daß Jahrhunderte sich über diese Erfahrung eine falsche Vorstellung gebildet haben. Gerade bei den auserlesensten Menschen, bei dem scharfsinnigsten Weltanschauungsdenken ist über das Erlebnis, das die neuere Geistesforschung feststellen muß, mit diesem eben charakterisierten Nachdenken eine irrtümliche, eine verhängnisvolle Anschauung entstanden."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p021","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p021","passage_number":21,"word_count":138,"text":"Man muß, wenn man das ausführen will, was ich hier meine, hindeuten auf einen Philosophen von schönstem Glanze, auf Cartesius, Descartes, den Begründer der neueren Philosophie, der mit seinen Anschauungen wiederum auf denselben Grundlagen steht wie Augustinus. Beiden Denkern wurde das Denken selber zur großen Rätselfrage des Daseins. Die sinnliche Welt wurde ihnen gewissermaßen von Ungewißheiten durchdrungen, aber sie glaubten, wenn sie unmittelbar sich als seelisches Wesen, als Mensch, denkend erfassen, dann kann ihnen dasjenige, was da auftritt im Denken, keine Ungewißheit darbieten. Wenn man sich denkend erfaßt, selbst wenn man alles bezweifelt, wenn das Denken nur im Zweifel besteht und man sagen muß: Ich zweifle denkend — man ist in dem Zweifel, meinten die Denker. Und sie stellten fest den Satz, der, ich möchte sagen, wie ein Leuchtturm durch die Zeiten strahlt: Ich denke, also bin ich."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p022","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p022","passage_number":22,"word_count":106,"text":"Es gibt vor dem unmittelbaren Erleben des echten, aber an der Naturwissenschaft herandisziplinierten Denkens keinen falscheren Satz als diesen. Denn derjenige, welcher gerade das strengste Denken verfolgt, das an der Naturwissenschaft heranerzogen ist, der muß zu einem anderen Satze kommen, zu dem Satze: Ich denke — und gemeint ist gerade das von der Außenwelt zurückgezogene Denken: Ich denke, also bin ich nicht. —- Es beginnt alle wirkliche Stellungnahme gegenüber der geistigen Welt mit der Einsicht in die Wahrheit, daß wir über unser Nichtsein als Seelenwesen, über das Wesen unseres Selbst, insoferne wir nicht sind, Aufschluß gewinnen in dem Momente, wo wir zum völlig abgezogenen Denken übergehen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p023","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p023","passage_number":23,"word_count":101,"text":"Das ist die Schwierigkeit, welche die hier gemeinte Geisteswissenschaft hat, wenn sie den Weg finden will in die Menschengemüter, daß sie allerdings merkwürdige Anforderungen an die Menschen stellt. Würde sie die Anforderung stellen, daß die Menschen in ihren gewohnten Geleisen weitergehen können, daß man erwachen könne, wenn man den einmal angefangenen Weg eben weiter verfolge, daß sich die Rätsel der übersinnlichen Erkenntnis lösen, würde sie so etwas in Aussicht stellen, so würde sie gegenüber den Denkgewohnheiten mancher Zeitgenossen ein leichtes Spiel haben. Allein diese Geisteswissenschaft muß die Forderung einer völlig wissenschaftlichen Sinnesänderung stellen aus den unmittelbaren Erlebnissen des unbefangenen Bewußtseins heraus."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p024","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p024","passage_number":24,"word_count":86,"text":"Nun handelt es sich darum: Wie stellt man fest den Satz Ich denke, also bin ich nicht. — Geisteswissenschaft wendet dazu gerade ein energisches Verfolgen dieses Denkens an, wodurch man zu dem Irrtume kommt: Ich denke, also bin ich — cogito ergo sum. — Das ist, als ob man das Denken gewinne und dann beim Denken stehenbleibe. Geistesforschung kann nicht beim Denken bloß stehenbleiben. Geisteswissenschaft muß das Denken verstärken, erkraften, muß auf das Denken eine seelische Tätigkeit anwenden, die man bezeichnen kann mit dem Worte Meditation."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p025","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p025","passage_number":25,"word_count":163,"text":"Worin besteht diese Meditation? Sie besteht nicht so sehr in einem Vertiefen des Denkens, sondern in einem Verstärken des Denkens. Gewisse Gedanken, die man sich vorsetzt, die man immer wiederum in das Bewußtsein bringt, bis sie dem Denken so viel innere Dichtigkeit gegeben haben, daß das Denken nicht bloß Denken ist, sondern Erlebnis wird wie ein anderes Erlebnis, das eben ein stärkeres Erlebnis ist als das bloße abstrakte Denken: das ist Meditieren. Das Meditieren macht manchem viel Mühe. Je nach den verschiedenen Anlagen muß man sich mehr oder weniger monate-, jahrelang oder noch länger dabei anstrengen; allein es kann bei jedem Menschen dasjenige Erleben herbeigeführt werden, das hier gemeint ist. Es ist dasjenige, was der Geistesforschung zugrunde gelegt werden soll, nicht irgend etwas, was nur aus Erlebnissen auserlesener einzelner Menschen zustande kommt, sondern dasjenige, wozu jeder Mensch gelangen kann. Wenn das einsame Denken, das abgezogene Denken erkraftet wird, dann wird es ein so lebendiges Erlebnis, wie zum Beispiel die Erlebnisse des Stoffwechsels sind."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p026","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p026","passage_number":26,"word_count":265,"text":"Wiederum ein überraschendes Resultat, aber ein Resultat, das im sinnlichen Erleben ebenso klar vor die Seele treten kann wie für den Botaniker die Pflanzenzellen, die er mikroskopisch untersucht, ihm klar vor der Seele erscheinen! Aber es ist ein merkwürdiges Erlebnis, das man dann mit dem Denken hat. Dieses innere Erlebnis, diese innere Seelenverfassung, die man dann gewinnt, wenn man das Denken verstärkt, sie läßt sich nur vergleichen mit dem Hungergefühl. So sonderbar, so überraschend es klingt, es läßt sich vergleichen mit dem Hungergefühl, mit einem Hungergefühl, das allerdings nicht so auftritt wie das Hungergefühl gegenüber dem Speisebedürfnis, sondern es ist ein solches, das vor allen Dingen auf die menschliche Hauptesorganisation beschränkt ist. Aber es belehrt uns dieses eigentlich erst, wie sich unsere menschliche Leibesorganisation zu dem Denken verhält. Derjenige, der dieses Erlebnis nicht hat, kann sich allerlei merkwürdige Vorstellungen über die Beziehung des menschlichen Denkens zu dem menschlichen Leibe bilden. Wer dieses Erlebnis hat, wird nimmermehr sagen: Dieser menschliche Leib bringt das Denken hervor -, denn — das zeigt die unmittelbare Tatsache — es liegen in diesem menschlichen Leibe in bezug auf seine Bildungskräfte nicht solche Impulse, die das Denken hervorbringen, sondern wenn gedacht wird, dann wird ebenso abgebaut im Leibe, ebenso, ich möchte sagen, zerstört, wie abgebaut, zerstört wird, wenn wir Hunger bekommen. Sonderbar war es daher, wenn das mehr oder weniger materialistische oder mechanistische Denken behauptete, der Leib brächte das Denken hervor. Er bringt es so wenig hervor wie die Kräfte, die seine Bildungskräfte sind, die ihn konstituieren. Also er muß abbauen wie beim Hunger, wenn das Denken in ihm Platz greifen soll."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p027","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p027","passage_number":27,"word_count":65,"text":"Erst wenn man dieses überraschende Erlebnis hat, dann weiß man im Grunde genommen, was Denken ist. Dann weiß man, daß Denken die Entfaltung nicht einer seelischen Wirklichkeit ist, die sich vergleichen läßt mit der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, sondern man weiß, daß man, indem man denkend untertaucht in die eigene Organisation, in sein Unwirkliches untertaucht, daß man aufhört zu sein, indem man in das Denken untertaucht."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p028","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p028","passage_number":28,"word_count":82,"text":"Dann entsteht die große bange Frage: Wie kommt man nun weiter? Geistesforschung stellt den Menschen nicht an theoretische Punkte der Forschung, sondern an Erlebnispunkte, an solche Punkte, die mit aller Kraft des Erlebens das weitere Forschen herausfordern. Und niemand wird eigentlich in rechtem Sinne in die geistige Welt eindringen können, der nicht dasjenige erlebt hat, von dem ich jetzt gesprochen habe, und der sich nicht überzeugt hat, wie man mit dem Denken in das Nicht-Sein untertaucht: Ich denke, also bin ich nicht."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p029","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p029","passage_number":29,"word_count":205,"text":"So liefert uns denn das Naturerkennen ein sehr merkwürdiges Ergebnis. Ohne Denken könnten wir uns über die Natur nicht aufklären. Gerade dasjenige, was, ich möchte sagen, mit dem robustesten Sein vor uns hintritt, das erzeugt in unserem Seelenleben etwas, wodurch wir das Nicht-Sein dieses eigenen Seelenwesens erfahren. In dem Vortrage übermorgen, wo ich über Seelenkunde sprechen werde, wird es sich darum handeln, den Gedankengang in populärer Form dann weiterzuverfolgen. Jetzt aber muß ich auf etwas hinweisen, was geradeso von der anderen Seite her zeigt: Ich bin nicht und erkenne das, indem ich denke, ich bin nicht im Denken - wie diesem Erlebnis ein anderes von einer ganz anderen Seite in der menschlichen Seele entgegenkommt. Es kommt ihm dadurch entgegen, daß es für den unbefangenen Seelenbeobachter etwas gibt, was sich keinem Denken erschließt, was an das Denken nicht heran kann. Wer mit gesundem Sinn die Geschichte der Philosophie durchforscht, wer sich umtut bei denjenigen, die sich ernst mit den menschlichen Erkenntnis- und Lebensrätseln beschäftigt haben, der wird finden, daß immer und überall etwas auftritt im menschlichen Seelenleben, wo der Mensch sich sagt: Wie scharfsinnig du gerade mit deinem an der Naturbeobachtung disziplinierten Erkennen vorgehen willst, du kannst nicht erkennen dasjenige, was sich einschließt in dem Willen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p030","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p030","passage_number":30,"word_count":193,"text":"Gewöhnlich verbirgt sich das Rätsel, auf das hier hingewiesen wird dadurch, daß man all die Schwierigkeiten aufzählt, die gegenüber dem Begriff des freien Willens sich erheben. Schopenhauer, der in manchen Dingen scharfsinnig war, aber überall auf halben oder auf Viertelswegen stehengeblieben ist, hat die Vorstellung, die mit dem Denken zu tun hat, auf die eine Seite geschoben, den Willen auf die andere Seite. Allein er hat das Erlebnis nicht genau, nicht scharf genug ins Auge gefaßt, das die menschliche Seele mit dem Willen hat, indem sich alles Denken gegenüber dem Willen spröde erweist. Wir kommen einfach in den Willen nicht hinein. Aber es gibt etwas im Menschenleben, das zeigt sich wiederum der ganz kritischen und unbefangenen Seelenbeobachtung, wo in einer sonderbaren Weise gerade die Impulse des Willens heraufstürmen in das Seelenleben dann, wenn es mit dem Denken, gerade mit dem Denken, das an der Naturbeobachtung gewonnen ist, nichts zu tun hat. Man möchte sagen: Das Denken, das an der Naturbeobachtung gewonnen ist und dasjenige, was aus dem Willen kommt, die können im gewöhnlichen Bewußtseinsleben sich miteinander nicht geistig-chemisch verbinden. Das sind Dinge, die sich fliehen: Naturdenken und alles dasjenige, was vom Willen kommt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p031","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p031","passage_number":31,"word_count":155,"text":"Daher erscheinen auch zwei ganz getrennte Seelensphären: auf der einen Seite das Denken, insbesondere das vollbewußte Nachdenken; auf der anderen Seite die Wogen, die aus irgendwelchen, wir werden gleich nachher hören, welchen Untergründen herauf in das Seelenleben kommen, und die vom Willen ausgehen. Es sind die Wogen, die dann, wenn das vollbewußte Denken, das an der äußeren Naturbeobachtung gewonnen ist, schwindet, während des nächtlichen Schlafes in Form von Träumen in unser Seelenleben heraufspielen. Dasjenige, was in Traumbildern in unser Seelenleben hereinwogt und was wirklich nichts zu tun hat mit dem bewußten Denken, das vor die Seele hinzaubert Bilder, die das bewußte Denken ausschließen, von dem entdeckt man, daß es aus denselben Regionen kommt, aus denen der Wille, der auch nicht begriffen werden kann in den Tiefen, in denen der Mensch mit der Natur gemeinsam lebt, heraufkommt. Nun könnte man sagen: Also willst du, Geistesforscher, uns in so unbefriedigender Weise in das Gebiet der Träume führen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p032","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p032","passage_number":32,"word_count":314,"text":"Allerdings, das Traumgebiet ist ein geheimnisvolles, und wer sich darauf einläßt mit wirklichem gesundem Forschersinn, wird ungeheuer vieles finden; allein es ist auch ein solches, das alle diejenigen anzieht, die in scharlatanhafter oder in abergläubischer Weise sich in die übersinnliche Welt hineinfinden wollen, das daher besondere Vorsicht fordert. Vor allen Dingen muß gesagt werden, daß derjenige, welcher die Traumwelt mit Bezug auf den Inhalt der Träume erforscht, vollständig fehlgeht. Das tut man heute vielfach. Ganze wissenschaftliche Richtungen sind deshalb mit unzulänglichen Mitteln begründet worden. Wer das Traumleben seinem Inhalte nach verfolgt, wird gerade durch eine scharfe Beobachtung zu der Erkenntnis kommen müssen, daß vom Einschlafen bis zum Aufwachen, wenn das vollbewußte Denken schweigt, irgend etwas geschieht; wir können nicht sagen, ob im Menschen, ob außen in der Welt; irgend etwas geschieht, was in den Träumen heraufwogt. Aber was da geschieht, das versteht der Mensch zunächst nicht. Das tritt sogar nicht einmal herein in sein Bewußtseinsleben. Unbewußt überzieht er sich das, was in sein Bewußtsein nicht hereinkommt, mit den Reminiszenzen seines gewöhnlichen Bewußtseins, mit Erinnerungen, mit Gedächtnisbildern, die man immer finden kann, wenn man nur genau genug forscht. Daher ist derjenige, der in der Weise oder in der Absicht, sei es durch den Traumwunsch, sei es durch die Reminiszenz, aus dem Inhalte der Träume irgend etwas gewinnen will, auf dem Holzwege. Nicht darum kann es sich handeln, irgend etwas erforschen zu wollen, was dem Inhalt der Träume entspricht. Dieser Inhalt der Träume sagt über die Träume eigentlich nicht viel mehr aus als ein Kind, das über die Natur etwas aussagen will. Wie wir uns nicht an das kindliche Bewußtsein wenden, wenn wir etwas von der Natur uns erklären wollen, sondern an dasjenige Bewußtsein, das die Natur beobachtet hat, so können wir uns auch nicht an die Aussagen des Traumes wenden, wenn wir dasjenige Gebiet erforschen: wollen, das unter der Oberfläche des Traumes webt und west."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p033","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p033","passage_number":33,"word_count":80,"text":"Es gab allerdings in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung wissenschaftliche Richtungen, die heute im naturwissenschaftlichen Zeitalter nicht mehr gültig sein können, gewisse Möglichkeiten, aus dem Inhalt des Traumlebens etwas von den Weltgeheimnissen zu gewinnen. Allein diese Zeiten sind vorbei. Ich werde darüber noch zu sprechen haben in den folgenden Vorträgen. Heute wird es insbesondere dem, der sein Denken herandiszipliniert hat an der Naturbeobachtung, obliegen, sich die Art des Erlebens vor die Seele zu bringen, in der man ist, wenn man träumt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p034","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p034","passage_number":34,"word_count":144,"text":"Wie die Aufklärung über das Nachdenken nur gelingt durch Meditation, so gelingt diese Aufklärung über die Seelenverfassung, in der man im Traume ist, nur wiederum durch eine besondere Betätigung in der geistigen Forschung. Wie man das andere Meditation nennen kann, so kann man dieses Kontemplation nennen. Es handelt sich darum, daß man absieht von allem Inhalt des Traumlebens, daß man aber versucht, in sich selber zu erleben, wie man ist in dem Leben, wenn man träumt, wie man sich da verhält zu den Sinnen und ihren Entfaltungen, wie man losgekommen ist auf der einen Seite von diesen Sinnen, wie doch noch ein gewisser Bezug zum Sinnesleben ist, wie ein gewisser Bezug zum ganzen inneren organischen Wesen ist. Dieses eigentümliche Weben und Leben des Traumes kann man nur erleben, indem man intim versucht, das in der Seele bewußt durchzumachen, was sonst unbewußt im 'Traume verläuft."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p035","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p035","passage_number":35,"word_count":188,"text":"Nun frägt es sich: Warum geschieht das im gewöhnlichen Bewußtseinsleben so wenig? Im gewöhnlichen Bewußtseinsleben gibt der Mensch sich einem solchen Erleben des Traumeslebens nicht hin, sondern gerade im Gegenteil: durch unterbewußte Kräfte überzieht er sich irrtümlich mit allen möglichen Lebensreminiszenzen und Lebenserinnerungen dasjenige, was er im 'Traume erlebt. Fängt man an, kontemplatierend sich wirklich zu versetzen in jenes feinere Weben, in dem man ist, wenn man sonst träumt, aber nun, wenn man sich bewußt hineinversetzt, so sieht man, wie man da in einem ganz anderen, ich möchte sagen, viel leichteren, nicht so schweren Erleben ist als gegenüber der äußeren Natur, wenn man in ihr geht und steht und handelt. Lernt man dieses Leben kennen, dann lernt man auch die Frage beantworten, warum die Menschen das Traumleben überziehen mit allen möglichen Vorstellungen, die dem Leben entnommen sind, warum sie falsch interpretieren, warum sie lieber den Irrtum über den Traum hinnehmen, als sich in das Traumesweben wirklich zu versetzen. Man lernt wiederum erkennen, wie unsere Gesamtlebensverfassung in diesem Traumesleben sich verhält zum Schlaf überhaupt gerade so, wie man durch das Meditieren kennenlernt, was im Organismus vorgeht, wenn man denkt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p036","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p036","passage_number":36,"word_count":412,"text":"Man lernt erkennen, daß der Mensch ein unbewußtes Antipathiegefühl nicht heraufkommen lassen will aus gewissen unterirdischen Tiefen, mit denen er zusammenhängt. Indem der Traumimpuls anschlägt an unser Seelenwesen, versetzt er die Seele in ein unterbewußtes Antipathiegefühl, man könnte sagen, zunächst in ein Gefühl — so sonderbar das klingt, es ist wahr — der Übersättigung, das sich vergleichen läßt mit jenem Ekel, den der Mensch hat, wenn er vor der Übersättigung steht. Und der Mensch läßt so gewisse unbewußte Impulse dieses Antipathiegefühles, das er hat, nicht heraufkommen, sondern unterdrückt sie gerade durch Vorstellungen, die er aus seinem eigenen Seelenleben heraufwebt über das Traumesbewußtsein. Und überwinden, genau erkennen lernen, eine richtige Stellung bekommen zu dem, was sich da zunächst durch Antipathiegefühle ankündigt, kann man nur, wenn man jetzt diese Seelenverfassung, die man auf der einen Seite durch Meditation, auf der anderen Seite durch die eben geschilderte Kontemplation herbeigeführt hat, anwendet, um das Denken, von dem man wirklich erkannt hat, daß es einen ins Nichts führt, zu verbinden mit dem, wovor man zunächst unbewußte Antipathie empfindet. Diese zwei Dinge lassen sich verbinden, dieses Denken, von dem wir sagen müssen: Ich denke, also bin ich nicht -, das nicht eintreten kann in ein solches inneres Seelenerleben, das ähnlich wäre der äußeren Sinneswelt; es tritt ein in dasjenige Erleben, das uns wird, wenn wir die eben geschilderte Antipathie zunächst überwinden werden. Und wer beides verbindet, dasjenige, was antipathisch empfunden wird, daher mit den Träumen zugedeckt wird, mit dem, was im Hunger, also in einer unterbewußten Sympathie empfunden wird mit irgend etwas, was man nicht kennenlernt, wenn man die Kontemplation nicht kennenlernt, wer beides miteinander verbindet, der ist in der übersinnlichen Welt. Er findet durch das Denken, das ihn zunächst an furchtbare Klippen gebracht hat, das ihn zunächst an den Abgrund des Nicht-Seins schien hinab zustürzen, er findet mit diesem vollbewußten, gerade an der Naturwissenschaft herangezüchteten Denken, in dem Vorstellen, wovor der Mensch sich so stark scheut, daß er es mit Träumen übergießt, er findet die übersinnliche Welt. Der Gang in die übersinnliche Welt ist ein solcher, der innig zusammenhängt, wie Sie sehen, mit inneren seelischen Erlebnissen, die nur gesucht werden müssen aus der Natur der menschlichen Organisation selbst heraus. Und sehen Sie, diese nehmen sich sehr wenig ähnlich aus demjenigen, was man eigentlich heute gewöhnlich erwartet. Was müssen die Menschen gerade in der Gegenwart für Enttäuschungen erleben mit dem, was sie erwartet haben! Wer hat vor 1914 dasjenige erwartet, was jetzt über die ganze Welt gekommen ist!"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p037","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p037","passage_number":37,"word_count":221,"text":"Geisteswissenschaft erfordert einen gewissen inneren Mut, einen gewissen inneren Willen zu einer Sinnesänderung, zu demjenigen, was an Seelenkräfte appelliert, die tiefer hinabsteigen als das heutige Denken gewohnt ist, die aber gerade die Forderungen der Naturwissenschaft voll erfüllen und am allerwenigsten in eine nebulose Mystik hineinführen. Lernt der Mensch wirklich eindringen mit dem vollbewußten, gerade an der Naturwissenschaft herangezüchteten Denken in die Welt, von der ich eben jetzt gesprochen habe, die unterhalb der Traumeswelt webt und lebt, dann gewinnt er die Möglichkeit, eine Anschauung, nicht einen Begriff, aber eine Anschauung zu erhalten von dem Willen, dem freien Willen. Man muß gerungen haben mit dem Problem des freien Willens — ich habe das gezeigt in meiner «Philosophie der Freiheit» -, man muß gerungen haben mit dem Problem der Freiheit und im unmittelbaren Erleben gesucht haben jenen Weg, der so geheimnisvoll sich uns verbirgt hinter demjenigen Seelenleben, in das das Denken ganz offensichtlich nicht hineindringen kann. Wenn man gerungen hat, dann findet man auch den Weg zu einer Anschauung des freien Willens. Dann findet man aber den Weg hinein in die geistige Welt. Denn das vollbewußte Denken, wie es die Geisteswissenschaft meint, das ist imstande, nicht jene kindlichen, irrtümlichen Bilder als Traum hinzuweben über eine unbekannte Wirklichkeit, sondern es webt hinein in die darunterliegende geistige Wirklichkeit, die als geistige entdeckt wird, die imaginative Welt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p038","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p038","passage_number":38,"word_count":108,"text":"Jetzt entstehen Imaginationen, die wahre Abbilder sind der geistig-übersinnlichen Welt. Der Traum ist dasjenige, was herausschattet aus der übersinnlichen Welt, weil hineingeschattet wird in diejenige Welt, die mit dem Denken nichts zu tun hat. Dringen wir etwas unter die Oberfläche, dann können wir das, was wirklich unter dieser Oberfläche ist, zusammenbringen mit dem vollbewußten Denken. Dann entstehen Bilder, aber jetzt Bilder der übersinnlichen Wirklichkeit. Und das Denken, das schon drohte in das Nicht-Sein hineinzuführen, ersteht wieder in der übersinnlichen Welt durch dasjenige, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» das imaginative Erkennen der geistigen Welt genannt habe,"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p039","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p039","passage_number":39,"word_count":63,"text":"Dieses imaginative Erkennen, das uns zunächst Bilder einer übersinnlichen Welt liefert, Bilder jener Wesenheiten und Kräfte, die hinter der Sinneswelt stehen, dieses imaginative Denken ist nun kein Traum. Denn dieses imaginative Denken ist durchstrahlt, wie Sie sehen, gerade von dem ernstesten, von dem vollbewußten Denken, von demjenigen Denken, das so kraftvoll ist, daß es sich zunächst gesteht: Ich denke, also bin ich nicht."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p040","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p040","passage_number":40,"word_count":244,"text":"Dadurch aber, daß es diesen Übergang wählt, kommt das Denken aus dem Erlebnis des Nichtseins in das übersinnliche Erlebnis des geistigen Seins hinein, was ihm zunächst in Bildern, in Imaginationen vor Augen tritt, weil wir untertauchen in den Willen. Weil wir diejenige Welt nun wahrhaft kennenlernen, die sonst im Unterbewußten verbleibt, dringen wir auch weiter über die Bilder hinaus. Wir lernen die Bilder handhaben, wie wir sonst unser Seelenleben handhaben lernen. Dadurch erweitert sich das bloße Bildleben zu dem Leben, das ich mit einem vielleicht anfechtbaren Ausdruck — weil man ihn zusammenbringt mit allerlei Vorstellungen der Vorzeit, mit dem er aber, wie ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gezeigt habe, nichts zu tun hat -,, das ich nenne die inspirierte Erkenntnis. Die Wesenheit der geistigen Welt beginnt durch die Imagination zu sprechen, kündigt sich an in ihrer unmittelbaren Wirklichkeit. Die Imaginationen sind zunächst Bilder; aber die Menschenseele durchdringt das Denken, das schon im Nichtsein scheitern wollte, mit dem Willenserlebnis. Und als Schluß begegnet man dem Willen. Im Übersinnlichen stößt unser übersinnlicher Wille an den übersinnlichen Willen der geistigen Welten und Wesen: Inspiration, inspirierte Erkenntnis tritt für uns ein. Und der ganze Gang der Imagination und Inspiration kann sich nun auch ins Bewußtsein heraufheben. Ich nenne das Heraufheben von Imagination und Inspiration ins Bewußtsein die wahre Intuition, nicht jene nebulose Intuition, von der man oftmals in dem alltäglichen Bewußtsein spricht, sondern die wahre Intuition, das Drinnenstehen in der geistigen Welt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p041","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p041","passage_number":41,"word_count":99,"text":"Über einzelnes, das man empfindet mit Bezug auf die menschliche Seele, mit Bezug auf diejenigen Wesenheiten und Kräfte, die hinter der Natur, hinter dem sozialen, hinter dem religiösen, hinter dem geschichtlichen Leben stehen, sollen die Vorträge handeln, die noch folgen. Heute aber möchte ich noch die Frage beantworten: Wie kommt es nun eigentlich, daß diese Geisteswissenschaft, die gerade nach dem Angeführten mit Beweisen rechnet, die die beste naturwissenschaftliche Erziehung voraussetzen, mit Beweisen, die ganz nach dem Muster der Naturwissenschaft gebildet sind, wie kommt es, daß diese Geisteswissenschaft so wenig in das Bewußtsein der Menschen der Gegenwart sich einleben kann?"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p042","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p042","passage_number":42,"word_count":179,"text":"Die Hindernisse, die der Geisteswissenschaft entgegenstehen, sie muß man erforschen. Und gerade dann wird sich ergeben, warum die Frage nicht berücksichtigt wird: Wie beweist eigentlich Geistesforschung die übersinnliche Erkenntnis? — Sehen Sie, an der Art und Weise, wie ich Ihnen den Weg der Geistesforschung beschrieben habe, beweist Geistesforschung erstens auf der Grundlage ernsten naturwissenschaftlichen Denkens, dann auch auf einem Wege, der ganz die Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Weges ist. Und dennoch, die Menschen, welche die Geistesforschung, wie sie hier gemeint ist, zunächst kennenlernen, sie finden alle möglichen logischen Gründe, die sich sehr gut hören lassen. Man hat öfter gerade als Geistesforscher sogar einen gewissen Respekt vor den Gründen der Gegner. Die Gegner werden keineswegs von dem Geistesforscher für töricht gehalten. Man wendet sich auch nicht in gewöhnlichem Sinne aus einem gewissen Fanatismus heraus gegen solche Angriffe. Man respektiert den Gegner, weil man seine Gründe oftmals nicht töricht, sondern im Gegenteil recht gescheit findet. Und andererseits wird vielleicht von der Naturforschung immer wieder und wiederum gegen die hier gemeinte Geistesforschung eingewendet werden, daß nun einmal der Geistesforschung selbst Grenzen gegeben seien."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p043","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p043","passage_number":43,"word_count":245,"text":"Wir haben gesehen, warum Grenzen da sein müssen: weil der Mensch liebefähig und erinnerungsfähig sein soll. Geradeso wie man im Leben abwechselt zwischen Wachen und Schlafen und das eine ohne das andere nicht sein kann, darf sich Geistesforschung hinstellen auch in dieser Beziehung neben die Naturforschung, neben das Leben, das verbracht werden muß in Erinnerungs- und Liebefähigkeit, weil die Geistesforschung erstens in ihren Ergebnissen nicht Anspruch macht auf dasjenige, was erinnert werden kann — wir werden übermorgen, wenn wir über die geisteswissenschaftliche Seelenkunde sprechen, sehen, wie es mit dem Gedächtnis eigentlich steht —, wie dasjenige, was der Geistesforschung sich ergibt, das einzige ist, was die menschliche Seele erleben kann, ohne daß Anspruch gemacht wird auf dasjenige, was sonst so notwendig ist im Leben: an die Erinnerungsfähigkeit. Und andererseits muß der Liebefähigkeit gegenüber gesagt werden: durch jenes tiefere Eindringen in das, was sonst aus dem Unterbewußten wie Antipathie heraufkommt, erhöhen wir die Liebefähigkeit, so daß geistige Forschung die Liebefähigkeit nicht zerstört, sondern im Gegenteil erhöht. So wie das Wachen neben dem Schlafen oder das Schlafen neben dem Wachen zur Gesunderhaltung des Menschen notwendig ist, nebeneinander leben können, aber nicht das eine ohne das andere, oder das eine oder das andere, so darf sich aus dem angedeuteten Grunde Geistesforschung neben Naturforschung hinstellen. Trotzdem wird immer klar beweisend darauf hingewiesen werden, warum solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisgrenzen da sein müssen, immer wieder und wiederum von naturwissenschaftlicher Seite oder von solchen, die populäre Weltanschauung auf Grund der Naturwissenschaft zu erringen glauben."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p044","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p044","passage_number":44,"word_count":265,"text":"Gesprochen wird von dem, was Geisteswissenschaft als übersinnliche Erkenntnis aus dem Felde schlagen soll. Wenn der Geistesforscher selbst mit der Seelenbeobachtung, die notwendig ist, damit man überhaupt alles dasjenige vor sein Bewußtsein hinstellen kann, was heute ausgesprochen worden ist, wenn er mit dieser Selbstbeobachtung untertaucht in das menschliche Seelenleben, dann findet er das Folgende: Erstens dadurch, daß das Denken die Tendenz hat, den Menschen in den Abgrund des Nichtseins hineinzustoßen, zunächst in das Nichtsein gegenüber der äußeren Sinneswelt, dadurch, daß der Mensch einen gewissen, wenn ich so sagen darf, Horror vor diesem Eintauchen in das Denken hat, insofern dieses Denken durch wirkliches Eintauchen seine wirkliche Gestalt gewinnt, dadurch stellt sich der Geistesforschung gegenüber nicht das Bedürfnis ein, von ihr ausgehend in die Natur des Nachdenkens wirklich einzudringen. Man meidet dieses Eindringen in die Natur des Nachdenkens. Man kommt allerdings nicht darauf, warum man es meidet. Man meidet es aus dem unterbewußten Gefühl heraus, das aber deshalb nicht weniger tätig ist und über das man nicht Herr ist, gerade weil es unterbewußt ist. Es ist ein gewisses Gefühl der Furcht, der unterbewußten Furcht vor dem Anfangen bei dem Nichtsein. Und diese unterbewußte Furcht erzeugt in ihrem Gegenpol die Interesselosigkeit in ihren geistigen Untergründen gegenüber den Naturerscheinungen selber. Man will nicht auf Naturerscheinungen da hinschauen, wo sie überall zeigen, daß sie aus sich selber nicht erklärbar sind. Man muß weitergehen, man muß von ganz anderer Seite her die Ergänzung zu ihnen suchen. Interesselosigkeit, Stehenbleiben, wo man eigentlich tieferdringen sollte, das ist der Gegenpol zur Furcht. Wiederum eine unterbewußte Interesselosigkeit. Das auf der einen Seite, sehr verehrte Anwesende."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p045","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p045","passage_number":45,"word_count":110,"text":"Auf der anderen Seite: Wie muß man untertauchen in diejenige Welt, in der man sich zu verlieren meint, in das feine Weben und Wesen, das sonst im 'Traume, im Schlafe waltet, in dem man abgezogen ist von dem robusten Stehen in der äußeren Natur, abgezogen ist von dem robusten Seinsgefühl, das man in der äußeren Sinneswelt sich heranerzeugt? Man glaubt wiederum, das Gleichgewicht, jene Festigkeit zu verlieren, auf der man steht; aus dem Gefühl, das man sich erworben hat gegenüber der wahrgenommenen Sinneswelt, kommt man heraus. Man kommt in irgendeiner Weise, wenn man nicht weitergehen will, in eine Gleichgewichtslosigkeit hinein. Man glaubt, den festen Boden unter den Füßen zu verlieren."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p046","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p046","passage_number":46,"word_count":255,"text":"Wieder ist es unterbewußte Furcht, die sich einstellt, und um so wirksamer ist sie, weil man sie sich nicht ins Bewußtsein bringt. Aber dasjenige, was im Unterbewußten ist, es webt sich in Bilder, es webt sich in Vorstellungen hinein, es maskiert sich. Geradeso wie sich im Naturleben das unterbewußte Geistesleben im Traume maskiert, so maskieren sich die unterbewußte Furcht und die unterbewußte Interesselosigkeit. Was ist in Wahrheit vorhanden innerhalb der sogenannten naturwissenschaftlichen Weltanschauung, wenn Geistesforschung abgelehnt wird? In Wahrheit ist unterbewußte Interesselosigkeit gegenüber der Natur selbst vorhanden. Die maskiert sich in allerlei guten Hypothesen, guten logischen Gründen von den Erkenntnisgrenzen, die nur gewöhnlich vorbeigehen an den wahren Erkenntnisgrenzen, die heute vor Ihnen hier angeführt worden sind. Die Erkenntnisgrenzen, mit denen oftmals in jenen Weltanschauungen in falscher Weise Gründe angeführt werden, sind Masken für unterbewußte Interesselosigkeit. Und die guten logischen Gründe, von denen ich sagte, daß sie sogar respektiert werden müssen selbst von dem Geistesforscher, weil alles im Menschen gerade von ihm begriffen werden könne; die sogar immer eine gewisse Verstandesschärfe zeigen, diese guten logischen Gründe: sie sind wieder Masken. Der Mensch braucht eben etwas, um das Unterbewußte hinunterzudrängen, um es sich nicht spürbar, empfindbar zu machen: die Furcht vor dem, in das die Geisteswissenschaft führt, das aber allein die Wahrheit einschließt, diese Furcht hält den Menschen ab, in die Gründe des Daseins geisteswissenschaftlich einzudringen. Und diese Furcht maskiert sich im Bewußtsein als logische Gründe. Die schönsten logischen Gründe werden vorgebracht. Man kann gar nichts gegen ihre Logik einwenden, sie sind nur Masken für unterbewußte Furcht."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p047","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p047","passage_number":47,"word_count":147,"text":"Wer dies durchschaut, daß sogar sehr schöne, sehr respektable logische Gründe auftreten, die im Bewußtsein das Ergebnis unterbewußter Furcht sind, daß sehr respektable Gründe auftreten können für Erkenntnisgrenzen, die Geistesforschung unmöglich machen sollen, der sieht den Weltenzusammenhang anders an. Der sieht vor allen Dingen, welche Schwierigkeiten sich vor der Geistesforschung auftürmen müssen, die da anstrebt, was doch heute, wie wir in den späteren Vorträgen sehen werden, jeder Mensch wiederum in seinen unterbewußten Tiefen schon sucht und haben will, die dieses in einer faßbaren, in einer wirklich die Menschheit für die Zukunft befriedigenden Weltanschauung vor diese Menschheit hinstellt. Diese Schwierigkeiten ergeben sich heute noch, indem sich die Menschen einreden, sie hätten gute Gründe gegen die Geisteswissenschaft, weil sie sich ihre Furcht nicht gestehen; sie hätten gute Gründe für Grenzen, die nicht überschritten werden können durch übersinnliche Erkenntnis, weil sie sich ihre Interesselosigkeit nicht eingestehen gegenüber den Naturerscheinungen selbst."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p048","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p048","passage_number":48,"word_count":200,"text":"Wer durchblickt durch den Schleier, hinter dem sich die Wahrheit verhüllt, der sieht die Welt eben anders an. Der sieht auch dieses Menschenleben anders an. Aber ebenso wahr, wie an einem bestimmten Zeitpunkte an die Stelle einer früheren räumlichen Weltanschauung die Kopernikanische Weltanschauung treten mußte, durch die Entwickelung der Weltanschauung notwendig herausgefordert, so muß in der Gegenwart und gegen die Zukunft hin die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hervortreten. Daß sie hervortreten wird, daß sie trotz der jetzt auch in ihren Tiefen charakterisierten Hindernissen die Möglichkeit haben wird, in die Menschengemüter so einzudringen, trotz aller Widerstände, die auch die Kopernikanische Weltanschauung gefunden hat, dafür scheinen in der Gegenwart zwei naheliegende Tatsachen zu wirken: auf der einen Seite die Tatsache, daß wir in das naturwissenschaftliche Zeitalter eingetreten sind. Wir werden im dritten Vortrage sehen, daß gerade je genauer man die Natur kennenlernt, je weniger man sich willkürlich auf vorurteilsvolle Naturvorstellungen beschränkt, man desto mehr in die übersinnliche Forschung hineindringen wird. Und indem die Naturforschung immer weiter und weiter über die Grenzen, die ihr heute noch gezogen sind, zu dem hinschreitet, was in ihren Idealen liegt, um so mehr wird sie sich selbst die Tore für die übersinnliche Erkenntnis öffnen. Dies auf der einen Seite."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p049","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p049","passage_number":49,"word_count":178,"text":"Auf der anderen Seite braucht man sich heute nur die Tatsachen des Lebens auf der Erde anzusehen. Man braucht nur zu verfolgen aus den mancherlei Überraschungen, die die neuere Zeit den Menschen gebracht hat, das, was von der Gegenwart und in die Zukunft hinein von dem Menschen, insofern er einfach Erdenmensch sein will, gefordert wird: Es wird gefordert werden ein viel intensiveres Stehen auf dem eigenen Selbst, ein viel intensiveres Suchen nach einem inneren Gleichgewicht. Dieses innere Gleichgewicht aber hat viel Seelenähnlichkeit mit jenem Gleichgewicht, das gesucht werden muß, wenn das Denken die Welt betritt, aus der sonst der Traum heraufwirbelt, die übersinnliche Welt. Weil viel mehr Mut, viel mehr Furchtlosigkeit auch im Sozialen, im allgemeinen Weltenleben dem Menschen der Zukunft wird eigen sein müssen, viel mehr Mut, als dem Menschen, der doch sich einseitig eingelullt hat gerade durch die großen Fortschritte der Technik in eine gewisse Denk-, Vorstellungs- und Gefühlsbequemlichkeit, deshalb darf Geistesforschung hoffen, daß die Zeit, in der sich viele Gemüter Kraft und Sammlung für die Seelen aus ihr holen werden, nicht mehr fern sein werde."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p050","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p050","passage_number":50,"word_count":112,"text":"Die Geistesforschung baut nicht auf Theorien, sie baut nicht auf abstrakte Vorstellungen, sie baut nicht auf Phantasien, sie baut überall auf Tatsachen. Auch bei den Aussichten, die sie sich über sich selbst macht, baut sie auf Tatsachen. Weil sie überzeugt ist, daß sie aus ernster Naturwissenschaft herausgewachsen ist, baut sie darauf, daß der Fortschritt der Naturwissenschaft sie dem Menschen nahebringen wird. Weil sie aus dem Leben, aus dem innersten stärksten Leben herauswachsen will, baut sie darauf, daß sie bei dem Menschen, der in bezug auf diese Kräfte immer mehr, immer stärker in Anspruch genommen sein wird vom Leben, im Gegenwartsleben, im zukünftigen Leben, auch ihr den Eintritt in dieses Leben eröffnen soll."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p051","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p051","passage_number":51,"word_count":2,"text":"#### Fragenbeantwortung"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p052","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p052","passage_number":52,"word_count":22,"text":"Frage: Kann eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie sich Stoff und Kraft darstellen, wenn sie von der geistigen Welt aus betrachtet werden?"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p053","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p053","passage_number":53,"word_count":242,"text":"Ich will, weil es wirklich viel zu sehr unsere Zeit, die uns ja nur bis zehn Uhr gestellt ist, in Anspruch nehmen würde, von diesen beiden Begriffen zunächst auf den Stoff eingehen. Wenn man die Anschauungsweise, die ich heute charakterisiert habe und diesen Forschungsweg auf so etwas anwendet, wie zum Beispiel eben der Stoff ist, dann kommt man immer mehr dahin, zu sehen, daß der Mensch eigentlich zwischen zwei Klippen steht - ich habe Ihnen ja heute diese Klippen schon verschiedentlich charakterisiert —, zwischen zwei Klippen seines ganzen Verhältnisses zur Welt. Auf der einen Seite ist der Mensch fortwährend gedrängt, die sich ihm darbietenden Vorkommnisse und Dinge, wie man sagt, anthropomorphistisch zu denken, sie zu vermenschlichen, sie so vorzustellen, daß er dasjenige, was er in innerer Erfahrung oder sonst an sich selber erfährt, auf das Äußere überträgt; oder aber er ist genötigt, streng stehenzubleiben bei der bloßen Beobachtung, und sich gar keine Vorstellungen zu bilden. Die meisten der verehrten Zuhörer werden wissen, wie sehr diese zwei Klippen das Menschengeschlecht durch alle Zeiten in bezug auf das menschliche Denken in Anspruch genommen haben. Insbesondere dann, wenn man an so etwas kommt wie Stoff und Kraft, dann zeigt sich, daß man mit den gewöhnlichen Anschauungen durch diese Klippen nicht hindurchkommen kann. Sie können sich vorstellen, daß, wenn man mit der vollständigen Änderung des wissenschaftlichen Sinnes, wie ich sie heute angedeutet habe, an diese Dinge herantritt, manches sich gerade entgegengesetzt der gewöhnlichen Anschauung ergeben muß."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p054","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p054","passage_number":54,"word_count":101,"text":"Wenn wir uns dem Begriff des Stoffes im geisteswissenschaftlichen Sinne nähern wollen, so tun wir das am besten, wenn wir uns bildlich zunächst vorstellen, wie es ist. Es ist nur eine Verbildlichung. Wenn wir eine Flasche Selterswasser mit den Kohlensäurekügelchen vor uns haben, da sehen wir vor allen Dingen die Kohlensäurekügelchen, die eigentlich viel dünner sind als das umgebende Wasser, die eigentlich eingebettet sind in das umgebende Wasser. Und man möchte sagen, natürlich relativ: sie sind ja Kohlensäure, aber doch relativ weniger gegenüber dem Wasser. Wir sehen also eigentlich das eingebettete Nichts. Nun, natürlich muß ich jetzt einen großen Sprung machen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p055","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p055","passage_number":55,"word_count":173,"text":"Geradeso geht es uns, wenn wir geisteswissenschaftlich die Welt betrachten, mit dem Stoff. Die Sinne sehen im Raum die Raumausfüllungen, die wir dann Stoff benennen. Der Geist kommt darauf, daß da, wo die Sinne den Stoff sehen, es den Sinnen so geht, wie es uns geht mit der Kohlensäure. Wir sehen tatsächlich dasjenige, was herausgeschnitten ist aus der geistigen Welt. Und das, was herausgeschnitten ist aus der geistigen Welt, was in der geistigen Welt drinnen so lebt wie diese Kohlensäurekügelchen im Wasser, das bezeichnen wir als Stoff. So daß wir eigentlich sagen müssen: Was wir empfinden, wenn wir auf den Stoff aufstoßen, das ist im Grunde genommen die Wahrnehmung, daß da der Geist aufhört. Also nicht, daß wir an den Stoff ankommen, haben wir als das Wesentliche zu betrachten im geisteswissenschaftlichen Sinne, sondern daß da, wo die Sinne uns sagen: Wir kommen an den Stoff an -, daß da der Geist aufhört. So daß wir den Stoff tatsächlich — so überraschend es wieder ist — zu beschreiben haben als die Hohlräume im Geistigen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p056","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p056","passage_number":56,"word_count":123,"text":"Wer das Bild zu Ende denkt, der wird wissen, daß Hohlräume schon ihre Wirksamkeit haben. Man wird sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß das Nichtausgefüllte, das Hohle, nicht wirken könnte. Sie wissen, wenn man die Luft auspumpt aus dem Rezipienten der Luftpumpe, so wirkt der Hohlraum auf die umgebende Luft; die Luft pfeift hinein. Also im Zusammenhange der Dinge bedeutet das Ausgehöhlte nicht Wirkungslosigkeit. Daher brauchen wir uns auch nicht zu wundern, daß wir uns am Stein stoßen, nachdem der Stein seinem Stoffe nach Aushöhlung in der die Welt durchdringenden Geistigkeit ist. Das will ich nur als Andeutung sagen. — Das ist dasjenige, was nicht über den Stoff aufklärt, aber was den Weg angibt, wie man über den Stoff sich aufklären kann."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p057","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p057","passage_number":57,"word_count":24,"text":"Frage: Wie verhält sich das heute abend «Wille» genannte zum «élan vital» bei Bergson? Wie verhält es sich intuitiv zu den Erkenntnisarten der Geisteswissenschaft?"},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p058","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p058","passage_number":58,"word_count":34,"text":"Was ich heute «Wille» genannt habe, das ist nichts anderes als dasjenige, was zwar viele Menschen leugnen, was aber jeder Mensch aus der unmittelbaren Beobachtung kennt, was aber niemals vom Denken begriffen werden kann."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p059","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p059","passage_number":59,"word_count":204,"text":"Ernst zu nehmende, gerade naturwissenschaftliche Psychologen — nehmen Sie zum Beispiel Ziehen, nehmen Sie Wahle, wen Sie wollen -, sie finden die Möglichkeit, eine gewisse Verwandtschaft in der Struktur des Denkens mit der Struktur des Nervenbaues, des Gehirnes und dergleichen aufzuzeigen. Überall findet man eine gewisse Befriedigung, dasjenige, was sich geistig erfaßt in der Struktur des Denkens, durch organische Strukturen auszudrücken, gerade in der naturwissenschaftlichen Psychologie. Man geht dabei natürlich immer fehl; denn wir werden übermorgen sehen, wie sonderbar es ist, wenn man glaubt, daß das Seelenleben aus dem Gehirn heraus komme. Es ist das gerade so, als ob man glauben würde, wenn da ein Spiegel ist und man geht hin und meint, derjenige, der uns entgegenkommt — was unser eigenes Bild ist -, der müsse von hinter dem Spiegel herkommen. Es hängt von der Natur des Spiegels ab, ob er eben ist, oder rund ist, was für ein Bild uns entgegentritt. Aber es ist eben doch nichts hinter dem Spiegel. Wer hinter den Grenzen, die uns die Natur setzt, und hinter dem menschlichen Gehirn, das nur das Seelenleben spiegelt, irgend etwas sucht, der sucht geradeso wie derjenige, der, um den Grund des Bildes zu bekommen, das aus dem Spiegel kommt, den Spiegel zerschlägt."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p060","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p060","passage_number":60,"word_count":178,"text":"Also ich habe Wille dasjenige genannt, was man im gewöhnlichen Seelenleben erlebt, was eine innere Wahrnehmung ist, was aber immer mehr als unbegreiflich gilt. Die sogenannten naturwissenschaftlichen Psychologen finden das Vorstellen, das Denken in seiner Struktur verwandt mit seiner organischen Natur. Aber sobald sie vom Denken nur ins Fühlen und dann in den Willen kommen, da erklären sie: Da muß man von Wille oder Gefühl höchstens als von Schattierungen — Gefühlsbetonungen, Vorstellungsbetonungen nennt es Theodor Ziehen —, da muß man von Betonungen der Vorstellungen sprechen, denn da findet man nichts mehr, was dem sinnlichen Wahrnehmen analog wäre. Und deshalb entfällt der Wille dem Begreifen, der doch ganz offenbar da ist, und der nur von denjenigen geleugnet wird, die sich nicht nach dem Wirklichen richten, sondern nach dem, was sie, wie sie sagen, naturwissenschaftlich begreifen können. Es ist in der Naturwissenschaft nur Kausalität gültig, und da der Wille nicht kausal wirkt, so sagen sie, ist der Wille nicht da. Aber dasjenige, was da ist, richtet sich nicht nach dem, was man begreifen kann. Das ist nur ein menschliches Vorurteil."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p061","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p061","passage_number":61,"word_count":156,"text":"Also ich nenne Wille ein ganz konkretes Erleben und habe nur gezeigt, daß dasjenige, was uns da im allergewöhnlichsten Bewußtsein entgegentritt, nur begriffen werden kann, wenn man mit dem meditativen Denken hinuntertaucht in die Welt, aus der sonst bloß die Träume, die uns ferneliegen, herauftauchen. Ich weise auf den Ort hin, wo der Wille zu finden ist. Das ist eine naturwissenschaftliche Methode, die nur ins Geistige übertragen ist, aber eben auf eine andere Weise eingesehen sein muß als eine bloße Sinnestatsache. Bergsons «élan vital» ist eine bloße Phantasie, ist eine bloße Abstraktion. Aus der Folge der Erscheinungen wird hineingedacht in dasjenige, was sich vollzieht. Gewiß, man hat viele Gründe, in dasjenige hineinzudenken, was sich vollzieht, allein das ist nicht der Weg einer wirklichen Geisteswissenschaft. Der Weg ist, daß Tatsachen, wenn auch nur geistige Tatsachen, überall hinweisen, wo man etwas findet, wo etwas liegt, nicht Hypothesen, nicht die Dinge, die bloß ausgedacht sind, in die Erscheinungswelt hineintragen."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p062","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p062","passage_number":62,"word_count":181,"text":"Die Bergsonsche Intuition ist doch im Grunde genommen nichts anderes als ein spezieller Fall desjenigen Weges, den ich heute ganz entschieden als geisteswissenschaftlich unfruchtbar abgelehnt habe, indem ich charakterisiert habe, daß der Geisteswissenschafter zwar den mystischen Weg kennt, das mystische Erleben hat, aber eben zeigt, daß ihn der mystische Weg nicht zu einer wirklichen Erkenntnis führen kann. Bergson kennt nur auf der einen Seite das Denken, an dem allerdings etwas zu merken ist: daß es nicht an das wahre Sein herandringt. Das beschreibt er sehr weitläufig, indem er es nach allen Seiten charakterisiert. Deshalb nimmt er Abschied von diesem Denken. Geisteswissenschaft nimmt nicht Abschied von diesem Denken, sondern erlebt in allen Intensitäten einen Abgrund, in den dieses Denken hineinzuführen scheint, verleugnet nicht dieses Denken, was schließlich doch Bergson tut, und sucht nun einen anderen Weg, eben den, den ich charakterisiert habe, um aus dem Abgrund herauszukommen, um in einem geistigen, in einem übersinnlichen Sein wieder aufzustehen. Bergson sagt einfach, mit dem Denken komme man nicht an die Wirklichkeit heran. Also sucht er nur auf einem speziellen mystischen Wege durch inneres Erleben."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p063","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p063","passage_number":63,"word_count":88,"text":"Die Intuition, zu der Bergson kommt, die findet im Grunde genommen nichts konkret Wirkliches. Ich habe heute nur den Weg der Geisteswissenschaft charakterisieren können. Ich werde in den nächsten drei Vorträgen konkrete Resultate, bestimmte Resultate charakterisieren, Erkenntnisse, zu denen man kommt, die dem Leben und dem ganzen Menschensein dienen. Bergson dreht sich fortwährend nur um das: Man kann nicht denken, man muß innerlich ergreifen die Welt - und weist immer auf die Intuition hin. Aber in diese Intuition geht nichts hinein; es bleibt doch ein unbestimmtes, dunkel-mystisches Erleben."},{"locus":"GA 73/1918-10-08/p064","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73/1918-10-08/p064","passage_number":64,"word_count":118,"text":"Vielen Zeitgenossen tut das wohl, weil sie nicht dasjenige an sich zu vollziehen brauchen, was ich gerade als das von der Geisteswissenschaft zu Vollziehende gefordert habe: eine wirklich radikale Umänderung des Sinnes, der nun nicht bloß mystisch schwelgen will, sondern der mit wirklichem Ernst eindringen will in all das, wovor sich, wie ich gezeigt habe, das Denken der Menschen aus gewissen Voraussetzungen heraus fürchtet, woran es kein Interesse hat, was alles unterbewußt ist. Im Grunde genommen kommt Bergson gar nicht aus der Interesselosigkeit heraus, sondern er züchtet sie erst recht. Und er kommt nicht aus der Furcht heraus. Denn diese Intuitionen kommen nicht zu einem konkreten Begreifen der geistigen Welt, sondern bleiben nur bei einem innerlichen Erleben stehen."}]}