Ist Eine Übersinnliche Erkenntnisweise Wissenschaftlich zu Begründen?
Man kommt, wenn man die Natur beobachtet, zu gewissen Annahmen, welche Vorstellungen hervorrufen, bei denen man sagen muß: Hier sind die Eckpfeiler naturwissenschaftlicher Forschung; hier kommt man nicht weiter, hier kann man nicht mit dem Denken restlos in die Erscheinungen untertauchen, hier bleibt irgend etwas unbestimmt, hier sind eben Erkenntnisgrenzen. Nun könnte ich viele solche naturwissenschaftliche Begriffe anführen, welche Erkenntnisgrenzen darstellen; aber man braucht ja nur an die populärsten, ich möchte sagen, an die trivialsten naturwissenschaftlichen Vorstellungen heranzugehen und man wird finden: sie sind gleichsam zu dicht, als daß menschliches Erkennen unmittelbar in das, was vorliegt, eindringen kann. Man braucht sich nur zum Beispiel an zwei Vorstellungen zu wenden, an die Vorstellung der Kraft und an die Vorstellung des Stoffes. Mathematische Klarheit über das Wesen der Kraft und namentlich des Stoffes wird man vergeblich suchen, wenn man streng auf dem Boden gerade der Naturbeobachtung stehenbleiben will. Und man bekommt - allerdings in etwas anderer Weise, eigentlich in radikal anderer Weise als durch den Kantianismus, wenn man erlebt, wie man sich gleichsam stößt an solchen Hindernissen, wie Kraft und Stoff, wenn man naturwissenschaftlich forscht und beobachtet -, man bekommt den Eindruck, wie dieses Stoßen an dem Menschen selbst liegt. Man bekommt den Antrieb, nicht außen in der Welt zu forschen, sondern gegenüber diesen Fragen vor allen Dingen zu fragen: Wie ist der Mensch eingerichtet? Wie liegt es an dem Menschen selbst, daß er sich an solchen Hindernissen mit seiner Naturbeobachtung stoßen muß? Und man untersucht dann — wie gesagt, ich charakterisiere den Weg der Beweiskraft -, was es eigentlich in der menschlichen Seele ist, was verursacht, daß wir an solche Grenzen kommen; und man findet, daß allerdings gewisse Seelenkräfte da sind, die uns verhindern, mit dem denkenden Erkennen zum Beispiel in Kraft und Stoff unterzutauchen. In dem Augenblicke, wo wir wirklich untertauchen wollen, verhindert uns unsere eigene Seelenverfassung, das Denken restlos anzuwenden. Wir können nicht das nach Naturgesetzen drängende Denken restlos anwenden. Wir müssen übergehen dazu, so etwas wie Kraft und Stoff durch andere Seelenkräfte aufzunehmen, uns mit ihnen zu vereinigen. Wir müssen es übergehen lassen in Empfindungen, in Anschauungen, in dasjenige, was sehr mit dem Fühlen verwandt ist, das von dem Denken in unmittelbarem Gedankenlichte nicht mehr zu erreichen ist. Und wir fühlen dann in unmittelbarem Erleben, daß dieser Übergang von dem Denken zum dunklen Fühlen unsere Grenzen im naturwissenschaftlichen Vorstellen bestimmt. Und dann frägt man sich: Was haben wir als Menschen, die gesund leben wollen im äußeren Dasein zwischen Geburt und Tod, was haben wir von denjenigen Seelenkräften, die uns so hindern, jenseits der naturwissenschaftlichen Grenzen hinzukommen?