Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik

GA 73a/1920-06-17/p025 ·1920-06-17 · original (original)
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Aber für den Geistesforscher ist es so, einfach dadurch, daß er solches erlebt hat, wie ich es Ihnen geschildert habe - allerdings nur skizzenhaft, um anzuregen, nicht um zu überzeugen -, für den Geistesforscher ist es so, daß er sich sagen muß: Ich nehme einmal an, daß jemand die Veränderungen eines menschlichen Organismus untersucht, sagen wir die Veränderungen des Herzens jeweils nach fünf Jahren. Ich verfolge, wie sich das menschliche Herz oder ein anderes Organ im Verlaufe von fünf, von zehn Jahren ändert, was da geschieht. Und nun rechne ich aus, wie dasjenige, was sich mir da dargestellt hat, wenn ich einfach konsequent zurückschließe aus dem, was ich mir errechnet habe, wie das vor dreihundert Jahren war. Da bekomme ich, allerdings rein rechnerisch, ein bestimmtes Resultat heraus, wie dieses menschliche Herz vor dreihundert Jahren war. Nur ist just dagegen einzuwenden, daß dieses Herz dazumal noch gar nicht vorhanden war. Genauso richtig wie die geologische Betrachtungsweise, wäre auch diese Betrachtungsweise, aus den kleinen Veränderungen des menschlichen Herzens zu schließen, wie dieses Herz vor dreihundert Jahren war —- nur war es dazumal noch gar nicht da. Ebenso richtig - denn ich erkenne durchaus an, daß das, was die Geologie erschließt, wenigstens eine relative Richtigkeit hat - ist auch alles das, was erschlossen wird aus den geologischen Tatsachen für die Entwicklung der Erde. Aber wir versetzen dann das, was sich uns ergibt als Konsequenz unserer Rechung, in Zeiten, in denen die Erde in ihrer jetzigen Form noch nicht vorhanden war. Oder wir versetzen, indem wir einen Endzustand ausrechnen und von einer Entropie oder dergleichen sprechen, das, was sich uns aus unseren Beobachtungen ergibt, die über einen beschränkten Zeitraum gemacht wurden, in eine Zeitepoche, die noch Millionen von Jahren voraus liegt. Das ist für den Geistesforscher dann ebenso, wie wenn er ausrechnen soll, welche Beschaffenheit das menschliche Herz haben wird nach dreihundert Jahren.

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Cite: GA 73a/1920-06-17/p025 · edition original