Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik

GA 73a/1920-06-17/p031 ·1920-06-17 · original (original)
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Und wenn auf der anderen Seite eingewendet wird: Ja, das Mathematisch-Geometrische stellt vor das Bewußtsein nur etwas hin, was wir anwenden, wenn wir die Realität der Außenwelt verfolgen -, dann sage ich: Ja, das ist so, aber wenn wir das konstruktiv vor uns hinstellen, dann gelangen wir zu der Überzeugung, daß es ein bloß Formales ist. Wenn man das Charakterisierte im Bewußtsein hat, weiß man: es ist eine Realität. Und wenn jemand sagt, das sei vielleicht eine Selbstsuggestion, dann sage ich: Alles, was uns die Möglichkeit gibt, überhaupt zu sagen, etwas ist real, das ist nur ein Ergebnis des Erlebens. Und wenn manche Leute einwenden, es könne sich jemand täuschen, es könne jemand zum Beispiel den lebhaften Gedanken an Zitronensäure fassen, die er trinkt, und wenn er sensitiv ist, könne er sogar den Zitronengeschmack haben -, so sage ich: Das ist möglich. Aber so, wie man im gewöhnlichen Leben die bloß gedachte Hitze unterscheiden kann von jener Hitze, die auf einen wirkt, wenn man wirklich ein heißes Eisen berührt, ebenso kann man durch innerliches Erleben, wenn man das schauende Bewußtsein hat, unterscheiden zwischen dem, was bloß Phantasie, was bloß Suggestion ist, und dem, was Realität ist, denn das Ergreifen aller Wirklichkeit ist ein innerliches Erleben. Und es ist notwendig, daß man die Dinge bis zum Ende verfolgt, nicht irgendwo stehenbleibt. Wer da stehenbleibt, wo eigentlich der Weg weiterführen sollte, der unterliegt vielleicht der Suggestion. Ich sage daher: Es ist allerdings möglich, wenn jemand sensitiv ist und sich der Autosuggestion hingibt, zu sagen: Ich habe den Gedanken an Zitronenlimonade, ich fühle selbst den Geschmack -, aber den Durst wird ihm die gedachte Zitronenlimonade nicht löschen. Es handelt sich darum, daß man von der Geschmacksempfindung zum Durstlöschen übergeht, daß man also den Weg konsequent verfolgt. Das Erleben muß nur konsequent verfolgt werden, dann ist auch das, daß man irgend etwas im geistigen Sinne als Wirklichkeit bezeichnet, durchaus Ergebnis des Erlebens. Es kann die Bezeichnung einer sinnlichen Wirklichkeit oder Realität im Grunde genommen nicht ertheoretisiert werden, sondern sie ist ein Ergebnis des Erlebens.

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Cite: GA 73a/1920-06-17/p031 · edition original