Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik
Wenn wir das Kind beobachten, wie es heranwächst bis zum Zahnwechsel um das siebente Jahr, dann merken wir, daß nicht nur dieser Zahnwechsel sich vollzieht, sondern daß da auch die Konfiguration des Geistig-Seelischen eine wesentliche Änderung erfährt. Wenn Sie nun zurückdenken in Ihrem eigenen Leben, so werden Sie finden — auch wenn man noch nicht methodisch forscht —, daß die scharf konturierten Gedanken, die sich dann festigen zur Erinnerung und für den Lauf des Lebens sich fortpflanzen, daß diese scharf umrissenen Gedanken aus der Denkkraft heraus erst sich bilden können in der Zeit, in der der Organismus das heraustreibt, was die zweiten Zähne sind - es ist das ja etwas, was aus dem ganzen Organismus, nicht bloß aus dem Kiefer kommt. Verfolgt man das methodisch weiter, so kommt man darauf, sich zu sagen: Geradeso wie etwa bei physikalischen Vorgängen irgendeine Kraftart, etwa mechanische Kraft, verwandelt werden kann in Wärme und man dann sagt: Wärme wird frei, Wärme erscheint, so hat man im menschlichen Lebenslauf zu verfolgen, was im Organismus leibt - der Ausdruck ist uns ganz verlorengegangen - im Zahnwechsel, und was dann frei wird, wenn der Zahnwechsel nach und nach sich vollzieht, was dann aus dem latenten Zustand in den freien Zustand übergeht, was zuerst nur innerlich gewirkt hat. Die zweiten Zähne sind erschienen; da wirkt ein gewisser Kräftezusammenhang, ein Kräftesystem im Innern, bis diese zweiten Zähne entstehen. Dann wird dieser Kräftezusammenhang frei, und er erscheint in seinem Freiwerden als jenes Geistig-Seelische, das dann die scharf konturierten Gedanken der Erinnerung gibt.
Cite:
GA 73a/1920-06-17/p059 · edition original