Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik

GA 73a/1920-06-17/p064 ·1920-06-17 · original (original)
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Nehmen wir an, das Weizenkorn oder die Weizenähre wächst aus dem Würzelchen heraus durch den Halm; die pflanzenbildende Kraft äußert sich und kann aus dem Samen heraus eine neue Pflanze gestalten, die wiederum bis zum Samen kommt und so weiter. Wir sehen das, was da als Bildekraft in der Pflanze wirkt, kontinuierlich in geschlossenem Fortgang in der Pflanze selbst wirksam von Gestaltung zu Gestaltung, wie Goethe sagt: von Metamorphose zu Metamorphose. So versucht man in der Geisteswissenschaft das Denken, das sich im Menschen äußert, als gestaltende Kraft zu verfolgen, und man kommt dazu, zu sagen: Indem das Denken im Menschen eine gestaltende Kraft ist, kommt auch eine Nebenwirkung zustande, und diese Nebenwirkung, die ist eigentlich erst das gewöhnliche Erkennen. Aber wenn ich das Denken in seiner Wesenheit nach dieser Nebenwirkung charakterisieren will, so tue ich genau dasselbe, wie wenn ich sage: Was interessiert mich, was da in der Pflanze als bildende Kraft durch die Wurzel, die Halme in die Ähre hinaufschießt; das interessiert mich nicht; ich gehe von der Ernährungschemie aus und untersuche, was da im Weizenkorn erscheint als Ernährungssubstanz. - Das ist natürlich auch eine berechtigte Betrachtung des Weizenkornes. Man kann es auch so betrachten. Aber wenn ich das tue, dann sehe ich dabei ab von dem, was eigentlich kontinuierlich in der Pflanzenbildung fortfließt. Und so ist es mit dem Erkennen. In dem, was gewöhnlich von den Erkenntnistheoretikern, von den Philosophen gedacht wird und von denjenigen, die die Naturwissenschaft begrundlagen wollen mit irgendwelchen Betrachtungen, sind dieselben Wirkungen, die auftreten, wenn das Denken, das eigentlich uns gestalten will, nach außen hin sich in einer Nebenwirkung äußert. Das ist so, wie wenn das, was in der Weizenpflanze wächst, nur gedacht wird als Grundlage für die Ernährung eines anderen Wesens. Aber es ist falsch, den Weizen nur auf diese hin zu untersuchen. Das hat mit dem Wesen des Weizenkornes nichts zu tun. Da bringe ich einen anderen Gesichtspunkt hinein.

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Cite: GA 73a/1920-06-17/p064 · edition original