{"corpus":"steiner","locus":"GA 73a/1920-06-17/p070","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"> Professor Dr. Th. Meyer: Ich bin vollständig mit Herrn Dr. Steiner darin einverstanden, daß die Grenzbegriffe des naturwissenschaftlichen Erkennens nicht die Grenzbegriffe des Seins und der Wirklichkeit sind. Ich habe auch mit warmem und ergriffenem Herzen ihn von den Hoffnungen sprechen hören, die das deutsche Volk auch trotz seines Zusammenbruches für die Zukunft hegen darf. Aber ich habe doch einigermaßen Zweifel in dem Punkte, ob die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gerade die Fähigkeit besitzen wird, zu einer neuen Höhe, zu der Deutschland streben soll, zu führen. Und zwar meine ich, liege das Bedenken in folgendem: Herr Dr. Steiner hat immer wieder betont, daß der Weg in die höheren Welten, von dem er gesprochen hat, durch das Schauen erreicht wird, durch ein schauendes Bewußtsein, durch ein Erleben, und daß dieser Weg durchaus Wissenschaft ist, nicht Phantasie. Dieses innere Schauen hat selbstverständlich das, was in der Logik Evidenz besitzt. Das heißt, man kann das, was ich mit äußeren oder inneren Augen gesehen habe, nicht bestreiten. Ich sehe einen Baum und brauche nicht zu beweisen, daß der Baum da sein muß. Es gibt keinen metaphysischen Beweis dafür, es ist evident, daß der Baum da ist. Herr Dr. Steiner beansprucht nun für sein inneres Schauen diese Evidenz. Das heißt, er sieht die höhere Welt und sieht die Zusammenhänge der höheren Welt, und weil er sie sieht, eben deshalb ist diese höhere Welt da; sie ist unbestreitbar. Ich möchte auch nicht bestreiten, daß die höhere Welt für den, der sie schaut, evident ist. Nur fragt es sich, ob sie für jedermann evident ist, und da habe ich ein Bedenken. Seitdem mir die Anthroposophie bekannt ist, beruft sie sich darauf, daß dieses innere Schauen, dieses schauende Bewußtsein uralt ist, daß es schon lange Menschen gegeben hat, die sich zu der Höhe dieses schauenden Bewußtseins erheben, schon lange in Indien erhoben haben. Daher nimmt auch die Anthroposophie eine ganze Anzahl von Ausdrücken aus dem Indischen auf. Sie braucht für die verschiedenen Geisteserkenntnisse, die sie vermittelt, indische Ausdrücke. Nun liegt aber die Tatsache so, daß Dr. Steiner nun doch wieder behauptet, daß er etwas Neues bringe. Es hat aber doch vor Dr. Steiner eine ganze Anzahl theosophischer Vereine in Deutschland, auch in England gegeben. Herr Dr. Steiner hat ursprünglich diesen theosophischen Vereinen angehört, dann ist er in Widerstreit mit ihnen gekommen und ist aus diesen Vereinen ausgetreten. Er hat eben, weil er in inneren Zwiespalt mit ihnen kam, seine Auffassung der Dinge nicht mehr mit dem Namen Theosophie bezeichnet, sondern eben, weil sein inneres Schauen verschieden ist von dem inneren Schauen der anderen 'Theosophen, es mit dem Namen Anthroposophie belegt.\n> Da möchte ich nun sagen: Wenn nun das frühere schauende Bewußtsein sich geirrt hat, wenn erst Dr. Steiner das Richtige gebracht hat, wer garantiert mir dafür, daß nun nicht wieder ein anderer kommt und sagt: Dieses höhere schauende Bewußtsein, das Herr Dr. Steiner gebracht hat, ist nicht zum letzten Ziel durchgedrungen. Es kann ein anderer zu einem ganz anderen Ziele kommen. Dadurch wird das Schauen Dr. Steiners subjektiv. Es ist die Anschauung eines einzelnen. Ob man sich darauf verlassen kann, wird doch zweifelhaft.\n> Das ist mein Bedenken, das sich ergibt in bezug auf das Übersinnliche der ganzen Bewegung, daß da ein verschiedenes inneres Schauen ist. Es dürfte doch gar kein Zwiespalt eintreten zwischen den verschiedenen Schauenden. Ich möchte aber nicht schließen, ohne meinen aufrichtigen und warmen Dank Herrn Dr. Steiner auszusprechen für die vielfachen feinen Anregungen, die er in seiner Rede heute abend gegeben hat.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik","site_heading":null,"date":"1920-06-17","location":null,"word_count":579,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1920-06-17/p070","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1920-06-17/p070"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/73a/1920-06-17/p070","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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