Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik
Nun, sehr verehrte Anwesende, manche Leute sagen ja, wenn man die Philosophiegeschichte studiere, finde man, daß die Philosophen - fangen wir an bei Thales bis hinauf zu Eucken oder anderen - alle möglichen Ansichten aufgestellt hätten und daß sie sich oftmals widersprochen hätten; wie könne man da zu einer Sicherheit des Erkennens kommen? — Gerade das setzte ich mir in meinen «Rätseln der Philosophie» zur Aufgabe: zu zeigen, daß die Sache sich nicht so verhält, sondern daß dasjenige, was scheinbare Abweichungen in den verschiedenen Philosophien sind, die dieses Namens wert sind, nur immer davon herkommen, daß der Eine die Welterscheinungen von einem Standpunkte aus betrachtet, [der Andere von einem anderen Standpunkte aus]. Wenn man einen Baum fotografiert von einer Seite, so hat man das, was man auf dem Bilde sieht, nur von einer bestimmten Seite. Fotografiert man den Baum von einer anderen Seite, so bekommt man ein ganz anderes Bild - und doch ist es derselbe Baum. Wenn man nun darauf kommt, daß viele wirklich wahrheitshaltige Philosophien nicht dadurch sich unterscheiden, daß die eine von der andern abweicht, sondern daß sie einfach von verschiedenen Standpunkten aus ein und dasselbe anschauen, weil man überhaupt nicht zu einer [einzigen] Wahrheit kommen kann, dann merkt man, daß das ein Vorurteil ist, wenn man sagt, daß die Philosophien sich widersprechen.
Cite:
GA 73a/1920-06-17/p075 · edition original