Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik
Ich bin davon ausgegangen, daß das erlebende Bewußtsein erst da ist. Und so wie derjenige, der nicht eine Raumesanschauung hat, vom pythagoreischen Lehrsatz nicht reden kann, so kann man nicht reden von dem Beweis irgendeines Satzes der Geisteswissenschaft, wenn man die ganze Anschauungsweise nicht zugibt. Aber diese Anschauungsweise ist etwas, was [zuerst] errungen werden muß. Sie ist nicht von selbst da. Unsere Zeit erfordert aber, daß man sich zu etwas völlig Neuem entschließt, wenn man zu diesem Fortschritt der Wissenschaft übergehen will. Und ich glaube allerdings, daß noch sehr vieles überwunden werden muß, bis in breiteren Kreisen für die Geisteswissenschaft so etwas eintritt, wie es damals durch die kopernikanische Weltanschauung eingetreten ist gegenüber allen früheren Vorstellungen von der Unendlichkeit des Raumes. Früher hat man sich da oben eine blaue Kugel vorgestellt. Jetzt stellt man sich vor: es gibt Grenzen des Naturerkennens, die nicht überwunden werden können -, oder: man kann nicht hinaus über das gewöhnliche Denken. - Solche Dinge sind durchaus dem bekannt, der die Geschichte der Menschheitsentwicklung verfolgt. Und ich kann nur sagen: Entweder ist das, was ich versuchte vorzutragen, ein Weg zur Wahrheit — nicht die fertige Wahrheit -, dann wird er schon gegangen werden, oder aber es ist ein Weg zum Irrtum, dann wird er überwunden werden. Aber das schadet nichts. Was aber nicht erlöschen darf in uns, nicht durch voreilige Kritik hinweggefegt werden darf, das ist das immerwährende Streben nach aufwärts und vorwärts. Und nur von diesem Streben ist eigentlich das beseelt, was ich Ihnen heute versuchte zu charakterisieren als den Weg, den die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einschlagen will.
Cite:
GA 73a/1920-06-17/p083 · edition original