Zweiter Vortrag
Meine sehr verehrten Anwesenden! Die geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, von denen wir heute auszugehen haben, können aus dem Grunde in den Mittelpunkt gerückt werden, weil das Nachfolgende dadurch beleuchtet werden kann. Zunächst wird es scheinen, als ob das heutige Thema wenig zu tun hätte mit der Absicht, Beziehungen herzustellen zwischen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis und dem praktischen Leben; aber die Dinge würden gewissermaßen zu stark in der Luft hängen, wenn wir nicht übergehen würden zu denjenigen Dingen, die uns in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtungen führen können. Und dieser Mittelpunkt wissenschaftlicher Betrachtung steht ja heute so vor uns, daß er eigentlich von der gebräuchlichen Wissenschaft ausgeschaltet wird. Denn man muß sich doch gestehen: Sieht der Mensch die Natur an, versucht er aus seinen Anschauungen die Natur zu erkennen, dann ist er bei all diesen Anschauungen dabei; der Erkenntnisprozeß fließt ab unter seiner unmittelbaren Anteilnahme, er kann sich gewissermaßen nicht ausschalten. Und erst wenn man seine Anteilnahme kennengelernt hat, wird man in der Lage sein, das in der richtigen Weise anzuschauen, was man im Sinne heutiger Betrachtungsweise gerne ganz absondern möchte vom Menschen, nämlich diejenigen Erscheinungen, aus denen man, wie man sagt, ein «objektives Weltenbild» aufbauen will. Man will ja heute, um zu einem physikalischen Weltbild zu kommen, durchaus vom Menschen ganz absehen; man will das Ideal erreichen, daß der Mensch nichts von sich selbst in das physikalische Weltbild hineintrage. Um aber ein solches Ideal zu erfüllen, muß ja zuerst die Frage entschieden werden, inwieweit der Mensch imstande ist, die Phänomene ganz abgesondert von sich selbst zu betrachten. Und auf der anderen Seite handelt es sich darum, daß, gerade wenn der Mensch betrachtet wird im Geiste der heutigen wissenschaftlichen Anschauung, man gar nicht umhin kann, dasjenige, was man nun aus dieser Naturanschauung gewonnen hat und was scheinbar ganz unabhängig vom Menschen dastehen soll, wiederum auf den Menschen anzuwenden. Es ist ja heute fast durchweg üblich geworden, auch psychologische Betrachtungen, Betrachtungen über das menschliche Seelenleben, dadurch einzuleiten, daß man rein naturwissenschaftlich erkundete Resultate vorausschickt. Ja, man betrachtet sogar dasjenige, was man als solche physiologischen Ergebnisse der Psychologie vorausschicken kann, als das Wesentliche. Damit aber bringt man dasjenige, dem man doch selbst erst die Bestimmung gegeben hat, es solle in seiner GesetzmäBigkeit unabhängig vom Menschen untersucht werden, selbst wieder in die Untersuchungen über den Menschen herein. Und es ist dann kein Wunder, daß auch psychologische Untersuchungen an Grenzen kommen, die im höchsten Grade unbefriedigend sein müssen. Das ist gewohnheitsgemäß so geworden in der wissenschaftlichen Betrachtung. Man kann aber auch sagen, daß durch diese Denkgewohnheiten der Mensch im Grunde ganz ausgeschaltet worden ist aus der Weltbetrachtung. Wir können sagen, daß zum Beispiel das Ideal astronomischer Betrachtungsweise darin besteht, möglichst bei dem stehenzubleiben, was sich ausdrükken läßt durch Messen, Zählen und dergleichen. Es ist das physikalische Ideal auch auf die Astronomie übertragen worden, und man versucht zu Vorstellungen zu kommen über die Beziehungen der Weltenkörper, in die man dann auch die Erde einbezieht, und schaltet dabei den Menschen völlig aus. Das ist ja ganz offensichtlich für den, der heute die wissenschaftliche Betrachtungsweise auf diesem Gebiete ins Auge faßt. Man betrachtet ihn gar nicht in irgendeinem Zusammenhang mit demjenigen, was man sonst als Gesetzmäßigkeit untersucht.
Cite:
GA 73a/1921-01-12/p003 · edition original