Zweiter Vortrag
Unsere gegenwärtige Weltanschauung, wie sie sich in den Wissenschaften ausspricht - und es ist, wie wir noch sehen werden, durchaus Weltanschauung, die sich in den Wissenschaften ausspricht, wenn das auch öfter geleugnet wird -, diejenige Weltanschauung, die sich heute in den Wissenschaften ausspricht, sie ist ja weit abgekommen von den Wegen, die gerade Goethe vorgezeichnet hat, der ja auf diesem Gebiet eigentlich als Dilettant angesehen wird von den sogenannten Fachleuten. Ich habe versucht, gerade dasjenige, worauf es bei einer Würdigung Goethes in wissenschaftlicher Beziehung ankommt, in meinen Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Nationalliteratur zum Ausdruck zu bringen diese besondere Strömung wissenschaftlichen Arbeitens, wie sie Goethe eingeschlagen hat. Diese besondere Strömung ist eigentlich gegenwärtig versiegt. Dagegen wird die wissenschaftliche Betrachtungsweise der Gegenwart - die ja insbesondere tüchtig ist auf dem Gebiet der anorganischen Naturwissenschaften und auf all den Gebieten, wo das Anorganische in das Organische herübergenommen werden kann -, die Goethesche Anschauungsweise verpönen. Dafür fußt sie ganz und gar auf dem, was die Naturwissenschaft durch solche Anschauungen geworden ist, wie etwa die Newtonschen sind. Wenn auch Newtons Anschauungen selbst in vieler Beziehung überholt sind, so muß man doch sagen: Die Art und Weise des Forschens, sie ist von den Newtonschen Anschauungen durchaus abhängig. Und so hat auch die Goethesche Farbenlehre keine Fortsetzung erfahren in unserer anerkannten Wissenschaft, sondern nur die Newtonsche.
Cite:
GA 73a/1921-01-12/p009 · edition original