Zweiter Vortrag
Es ist vielleicht für denjenigen, der ganz eingeschult ist in die heutige wissenschaftliche Betrachtung, schwer zu fassen, welches nun der Unterschied ist dieser Anschauungsweise, die ich eben in etwas radikaler Art charakterisiert habe, zu der Goetheschen, und wie sich zu dieser Anschauungsweise verhält die physiologischsubjektive Weise, wie Goethe seine Experimente macht. Er experimentiert durchaus so, daß er das Auge darinnenstehen läßt im lebendigen Prozeß des Organismus; er läßt das Auge so, daß es bei seinem Experimentieren gewissermaßen einen Grad von am menschlichen Organismus befindlichen bewußten Organs hat. Also das am Menschen erlebte Auge, das mit dem Menschen lebendig im Zusammenhang gefühlte Auge, das betrachtete Goethe als den Ausgangspunkt für seine physiologischsubjektiven Farbenuntersuchungen.
Cite:
GA 73a/1921-01-12/p012 · edition original