{"corpus":"steiner","locus":"GA 73a/1921-01-12/p022","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Man kann also sagen, daß Goethe das objektiv Äußere durchaus so dargestellt hat wie ein Mensch, der sich halb instinktiv bewußt ist: Es gibt von dem, was er da äußerlich beschreibt, ein inneres Gegenbild; es gibt zu der äußeren Anschauung eine innere Anschauung. - Wenn man sich erstens einmal hineingefunden hat in diesen Gedankengang, und wenn man sich zweitens Mühe gegeben hat in der gestern angegebenen Richtung wirklich so etwas zu erleben, wie ich es jetzt angedeutet habe, nämlich dasjenige, was differenziertes Gefühlsleben ist, sich aufhellen zu lassen zu Imaginationen, die dann angesprochen werden dürfen mit denselben Worten, mit denen man die äußeren Erscheinungen bezeichnet - wenn man sich zu diesen Dingen aufgeschwungen hat, dann bietet sich einem der Ausblick zu einem Erfassen des Menschen, das ja gerade fehlt in den modernen wissenschaftlichen Anschauungen. Wie sollte man denn auch zu einer Anschauung vom Menschen kommen, wenn man alles künstlich abtrennt, was im Verkehr des Menschen mit der Welt auftritt, wenn man nur nach außen schauen will und gar nicht nach innen? Das und nichts anderes ist es schließlich, was immer wiederum gerade von wissenschaftlicher Seite her als ein Vorwurf gegenüber der Geisteswissenschaft erhoben wird, daß sie nicht wissenschaftlich vorgehe. Ein Vorurteil ist das, das dadurch entstanden ist, daß man von vorneherein nur dasjenige als wissenschaftliche Betrachtung gelten läßt, was vom Menschen abgesondert ist, und gar nicht die Untertöne dabei ins Auge faßt, die den menschlichen Anteil dabei kennzeichnen. Dadurch kann man dann nicht den Übergang finden zu dem, was der Mensch eigentlich in seinem Inneren erlebt. Die Farben, die ich jetzt meine, die ebenso hervorgehen aus dem Gefühlsspektrum, wie das Gefühlsspektrum hervorgeht aus dem äußeren objektiven Spektrum, diese Farben, die werden im imaginativen Anschauen erlebt, und sie bilden ebenso die Vermittlung, das Übersinnliche geistig zu erkennen, wie die äußeren Spektralfarben die Vermittlung bilden, das äußerliche Sinnlich-Körperliche zu erkennen. Man könnte sagen, die Oberflächen der äußeren Körper offenbaren sich in den gewöhnlichen Spektralfarben. Wenn ich mich jetzt in einer etwas merkwürdigen, scheinbar paradoxen Art ausspreche, so müßte ich sagen: Die Oberflächen des Geistigen - selbstverständlich wird jeder vernünftige Mensch wissen, was ich meine, daß ich also nicht irgendeine Kugel meine, wenn ich von einem Geistigen spreche -, die Oberfächen des Geistigen, die sprechen sich aus in denjenigen Farben, die hervorgerufen werden in der Imagination aus dem Gefühlsspektrum. Statt diesen Gedanken zunächst zu verfolgen und sich zu sagen, wenn die äußere Natur eben so ist, wie sie ist, dann muß auch das andere Anschauen möglich sein, dann muß man versuchen zu diesem Anschauen zu kommen - statt sich das zu sagen, also wirklich die Konsequenz aus einer äußeren Naturanschauung zu ziehen, befassen sich ja die Gegner viel mehr damit, Hohn und Spott auf das zu gießen, was die menschliche Aura genannt wird, die ja nichts anderes ist als eben das zum inneren Wahrnehmen Gebrachte, auf anderem Gebiet, wie hier auf dem Gebiet des Gefühlsspektrums.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zweiter Vortrag","site_heading":null,"date":"1921-01-12","location":null,"word_count":482,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1921-01-12/p022","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1921-01-12/p022"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/73a/1921-01-12/p022","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}