Zweiter Vortrag
Ich habe diese beiden ersten Vorträge hauptsächlich aus dem Grunde so angelegt, wie ich sie angelegt habe, damit Sie sehen, daß es sich bei der anthroposophischen Geisteswissenschaft nicht darum handelt, bloß irgendwelche Dinge phantastisch zu konstruieren, sondern daß es sich darum handelt, in ernsthafter Weise eine Weltbetrachtung zu geben, die den Menschen einschließt und die daher auch demjenigen gerecht werden kann, was in praktischer Beziehung nach der einen und anderen von den beiden gestern hier bezeichneten Seiten vom Menschen ausgehen soll. Letzten Endes handelt es sich doch darum, daß man den Menschen wirklich erkennt, daß man nicht bloß über ihn herumredet, sondern ihn wirklich erkennt, wenn man eine Grundlage gewinnen will für das, was in ethischer, in sozialer Beziehung von dem Menschen ausgehen soll. In der heutigen Zeit ist man nun einmal dazu aufgerufen, aus Menschenerkenntnis heraus auch Ziele für das praktische Leben zu gewinnen. Daher mußte schon das Thema dieser Vorträge, die handeln sollen von der Befruchtung der Fachwissenschaften durch die Geisteswissenschaft, so gestellt werden. Und wir werden auch sehen, wie aus einer solchen Betrachtung des Menschen sich sowohl in technischer wie in sozial-praktischer Beziehung fruchtbare Resultate nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für das Leben gewinnen lassen, weil im Grunde genommen, wenn man es nur im richtigen Sinne versteht, wahre Wissenschaft immer dem wahren Leben dienen muß.
Cite:
GA 73a/1921-01-12/p043 · edition original