Dritter Vortrag

GA 73a/1921-01-14/p014 ·1921-01-14 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Man gelangt dazu, die ganze menschliche Bildung und Organisation auf diese Weise zu durchschauen. Man kommt davon ab, über das Geistig-Seelische nur zu phantasieren, zu spekulieren; man kommt dazu, seinen Zusammenhang mit dem Physischen zu erfassen. Dann gewöhnt man sich überhaupt auf wissenschaftlichem Gebiet das Spekulieren und Hypothesen-Bilden ab. Man fragt nicht mehr: Was kann man ausspekulieren, um das Geistig-Seelische zu erfassen? -, sondern man sieht zum Beispiel hin auf die konkrete Entwicklung im Organismus, wie sie zuletzt sozusagen die Zähne herausstößt, und man muß dann anerkennen, wie dasselbe, was gebunden war an den Organismus, verborgen wirkend im Organismus, später frei wird. Man kann das in seiner seelisch-geistigen Gestalt verfolgen, indem man eben das Seelisch-Geistige selber anschaut, wie es beim Kinde sich ausgebildet hat; und so findet man den Zusammenhang zwischen dem Seelisch-Geistigen und dem Physisch-Organischen, indem man in konkreter Weise die Dinge verfolgt. Man konstruiert nicht mehr eine abstrakte Psychologie, wie es heute vielfach der Fall ist, die kaum mehr hat als irgendwelche Wortinhalte, sondern man studiert konkret das Verhalten des einen zum anderen, und man sieht, wie das, was in einem späteren Stadium vorhanden ist, in einem früheren Stadium auch wirklich beobachtbar war. Man gelangt zu einer vollständigen Empirie. Ebenso kann man den anderen Lebenswendepunkt studieren, den der Geschlechtsreife, wenn man beobachtet, wie auf der einen Seite eben der Prozeß sich organisch abspielt, der dann in der Geschlechtsreife gipfelt, und auf der anderen Seite sich dann fragt: Was bildet sich im Seelisch-Geistigen heraus? Was entsteht gewissermaßen dadurch, daß die Kräfte, die nach der Geschlechtsreife nicht mehr zur Ausbildung von etwas im Organischen gebraucht werden, weil sie das Organische bis zu einem gewissen Abschluß gebracht haben, was werden diese Kräfte, die gewissermaßen im Organischen bis dahin drinnen gesteckt haben? — Das, was in jener besonderen Natur der Willensimpulse wirkt, ist nach der Geschlechtsreife in ganz anderer Weise da als vorher. Sie sind vorher in einer ganz bestimmten Weise versenkt in die organischen Prozesse, und dann, wenn sie nicht mehr versenkt sind in die organischen Prozesse, werden sie jetzt aber nicht frei, sondern sie verbinden sich in einer gewissen Weise inniger mit dem Organismus. So wird der Mensch gerade um diese Wende seiner Lebenszeit mehr Herr seines Organismus, als er es früher war. Der Wille gliedert sich inniger, intensiver dem Organismus ein, als das früher der Fall war.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/73a/1921-01-14/p014.json
Cite: GA 73a/1921-01-14/p014 · edition original