{"corpus":"steiner","locus":"GA 73a/1921-01-14/p016","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Bedenken wir einmal, was zum Beispiel vorliegt, wenn wir versuchen, die medizinischen Wissenschaften, wie sie heute als Fachwissenschaften uns entgegentreten, einmal auf dasjenige hin zu prüfen, was an ihnen unbefriedigend ist. Ich kann allerdings nicht auf die besonders bedeutsamen Einzelheiten dabei eingehen, aber ich möchte auf etwas hinweisen, was schon eine Kardinalfrage ist. Wie können wir mit dem, was heute unser natürliches Weltbild ist, eigentlich das vereinigen, was man im physischen Organismus einen Krankheitsprozeß nennt? Wer den Krankheitsprozeß studiert, der wird sagen müssen — das ist ja ganz natürlich -, dieser Krankheitsprozeß läuft nach Naturgesetzen ab. Wir haben also im Krankheitsprozeß etwas, was wir nach Naturgesetzen begreifen müssen. Wir haben aber auf der anderen Seite im sogenannten gesunden menschlichen Organismus doch auch etwas, was man nach Naturgesetzen begreifen muß; wir haben wenigstens eine gewisse Strömung von Naturgesetzmäßigkeit im gesunden menschlichen Organismus. Wir drücken das, was wir auf diesem Gebiete der natürlichen Organisation des Menschen erkennen, aus in der Physiologie. Und wir drücken das, was wir erkennen können am Krankheitsprozeß als Gesetzmäßigkeit, die aber auch eine Naturgesetzmäßigkeit sein muß, aus in der Pathologie. Es muß nun eine Brücke geben zwischen Physiologie und Pathologie. Es muß möglich sein, irgendeine Vorstellung darüber zu bekommen, wie die eine Naturgesetzmäßigkeitsströmung sich verhält zu der anderen Naturgesetzmäßigkeitsströmung. Und eine Naturwissenschaft, oder besser gesagt ein naturwissenschaftliches Denken, wie wir es heute haben, kann auf diesem Gebiet zu keinem Verständnis, jedenfalls nicht zu einem in der Praxis verwertbaren Verständnis führen. Deshalb sehen wir, wie heute im Grunde genommen unbefriedigend die Heilwissenschaft neben der Pathologie dasteht. Ich blicke noch zurück in diejenige Zeit, in welcher sich innerhalb der damaligen Wiener Schule der medizinischen Wissenschaft das bemächtigt hatte, was man dazumal genannt hat den «medizinischen Nihilismus». Gerade Zelebritäten auf dem Gebiete der Medizin haben damals eigentlich in einem völligen Skeptizismus in bezug auf die Therapie gelebt. In weitem Maße haben dieselben behauptet, man könne nur die Prozesse der Krankheiten verfolgen, man könne nur von einer mehr oder weniger rationellen Pathologie reden, aber von irgendeinem Zusammenhang zwischen dem Eingreifen des Heilmittels und den Vorgängen des Organismus könne man eigentlich nicht reden. Daher beschränkten solche Mediziner sich darauf, für weite Gebiete von Krankheiten nur den Krankheitsprozeß zu verfolgen, achtzugeben darauf, wenn er nach der einen oder anderen Seite in Exzesse überging, aber an eine rationelle Heilungsmethode glaubten sie im Grunde genommen eigentlich nicht. Darüber sprach man dort ganz offen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1921-01-14","location":null,"word_count":397,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1921-01-14/p016","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/73a/1921-01-14/p016"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/73a/1921-01-14/p016","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}