Dritter Vortrag

GA 73a/1921-01-14/p017 ·1921-01-14 · original (original)
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Nun, heute liegt ja nicht mehr eine solche Skepsis über diese Dinge vor, aber in der Praxis ist es im Grunde genommen noch immer so. Und daher ist es für eine wirkliche medizinische Wissenschaft so schwer, durchzudringen gegenüber allem möglichen Dilettantismus und aller möglichen Quacksalberei, die gerade dadurch groß werden können, weil es so wenig möglich ist auf diesem Gebiet, für das, was eigentlich wirkliche Wissenschaft ist, Verständnis zu erwecken. Das hängt aber zusammen mit unserer naturwissenschaftlichen Auffassung überhaupt. Es hängt zusammen mit etwas, von dem man glaubt —- zwar mit Recht, aber doch eben in einer einseitigen Weise -, daß gerade ein Teil der großen wissenschaftlichen Erkenntnisse im 19. Jahrhundert gebunden sei an das, was man die Deszendenzlehre nennt. Man hat in einer ja wirklich außerordentlich scharfsinnigen Weise, in einer Weise, die bei den einzelnen Forschern zu den allergewissenhaftesten Beobachtungsmethoden geführt hat, die Entwicklungsreihe der Organismen von den unvollkommenen zu den vollkommeneren gesucht und hat an die Spitze den Menschen gestellt, diesen ganzen Menschen, wie er in seiner Organisation heute vor uns steht. Man hat gewissermaßen seine Organisation in ihrer Ganzheit als eine Umgestaltung der tierischen Organisation betrachtet. Nun, man konnte das nur, weil man sich über gewisse innere Beziehungen des menschlichen Organismus ganz falschen Begriffen hingab. Ich kann ja natürlich diese Dinge nur andeuten. Sie werden sich ergeben aus einer wirklichen empirischen Morphologie, einer morphologischen Betrachtung der Organe, sie werden sich ergeben aus einer wirklich vergleichenden genetischmorphologischen Betrachtungsweise der Embryologie, der Tatsachen der Embryologie, im Zusammenhang mit den Tatsachen des Lebens. Heute hat ja jeder mehr oder weniger die Vorstellung: Wir haben zum Beispiel im Gehirn etwas, was wie eine komplizierte Ausbildung desjenigen anzusehen ist, was seiner Anlage nach als Nerven-Organismus im Rückenmark vorhanden ist. Man sieht in demjenigen, was im Rückenmark organisiert ist, gewissermaßen das Ursprüngliche, und dasjenige, was im Gehirn vorliegt, das sieht man an als das auf komplizierte Weise aus diesem Rückenmark Hervorgegangene. So kann man die Erscheinungen nicht deuten. Wenn man in einer unbefangenen Weise gerade die Tatsachen der Embryologie verfolgt, dann wird man eine ganz andere Anschauung bekommen. Man wird die Anschauung bekommen, daß dasjenige, was im Gehirn vorliegt, zwar zurückführt auf eine solche einfachere Organisation, wie sie im Rückenmarkstrang vorliegt, daß aber der Rückenmarkstrang, als dessen weitere Ausbildung das Gehirn anzusehen ist, gedacht werden muß mehr oder weniger horizontal im Gehirn selbst liegend — wenn ich es so ausdrücken darf. In unserem heutigen Gehirn ist dasjenige, was sich rückenmarkstrang-ähnlich als eine Grundlage für unser Gehirn ergibt - von der Stirne nach rückwärts gehend, dem Hinterhaupte zu - nur ideell veranlagt, so daß man sich das Gehirn vorzustellen hat als eine Umbildung dieser heute nur in ideeller Anlage im Gehirn vorhandenen Bildung, während wir das, was wir heute im Menschen als den Rückenmarkstrang haben, anzusehen haben als aus denselben Bildungsgesetzen hervorgehend wie auch das menschliche Gehirn, aber auf einer früheren Stufe stehengeblieben. Wenn wir also Rückenmark und Gehirn im Zusammenhang betrachten, müssen wir sagen: Beiden liegen dieselben Bildungsgesetze zugrunde, aber das Gehirn ist durch diese Bildung zu einer weiteren Stufe gebracht worden. Erst in einem späteren Zeitpunkt der Phylogenie greifen die Bildungsgesetze im Rückenmarkstrang ein, und es kommt nicht so weit wie das Gehirn. Daher ist der Rückenmarkstrang als die spätere Bildung anzusehen, deren Anfangsstufe in einer früheren Zeit in der Genesis der Menschheit gelegen hat. In eine noch frühere Zeit ist das Gehirn mit seinem Anfang zu versetzen, und es ist anzusehen als weiter fortgeschritten, so daß man sagen muß: Der Rückenmarkstrang ist phylogenetisch die spätere Bildung, die nur auf einer früheren Stufe stehen geblieben ist, während das Gehirn durch diese Bildung zu einer weiteren Stufe gebracht worden ist.

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