Dritter Vortrag
Wenn man so die Morphologie des Menschen durchschaut, kommt man als erstes dazu, ihn in einer richtigen Weise in ein Verhältnis zur tierischen Welt zu setzen. Dann sagt man sich: Wenn man in der Zeitenreihe zurückgeht, so hat man das, was menschliche Hauptesbildung geworden ist, als die hauptsächlichste Umwandlung seiner früheren Organisation anzusehen. Diese hat man zurückzuführen auf frühere Tierformen - ich kann das einzelne jetzt nicht ausführen, daher wird sich das Ganze paradox ausnehmen -, dagegen muß man die ganze Menschengestalt so ansehen, daß die übrige Bildung, die dem Haupt angehängt ist, unter Verhältnissen entstanden ist, die durchaus anders auf diese Gesamtgestalt des Menschen wirken, als aus der heutigen Umgebung auf die Gesamtgestalt des Tieres gewirkt wird. Wenn man diese Verhältnisse durchschaut, wird man die menschliche Gestalt in ein ganz anderes Verhältnis zur Tierwelt bringen, als das heute der Fall ist. Dann kommt noch als zweites etwas anderes hinzu: Wenn man das menschliche Haupt nun durchschaut, gerade die besonderen Verhältnisse der Weichteile zu den Knochenteilen, und dies vergleicht, namentlich auch in ihrer Lage, mit den Verhältnissen der Weichteile zu den Knochenteilen in den anhängenden Gliedmaßen, dann kommt man dazu, sich Vorstellungen zu machen über das innere Wirken der Bildungsgesetze im menschlichen Organismus. Und man kommt dazu einzusehen, daß das menschliche Haupt nicht nur in einer fortgehenden Entwicklung ist, sondern daß es etwas in sich trägt, was man zunächst nicht als eine Evolution anzusehen hat, sondern als eine Devolution, als eine rückgehende Entwicklung, die nur aufrechterhalten wird dadurch, daß dieser Hauptesorganismus mit dem übrigen menschlichen Organismus zusammenhängt und von ihm unterhalten wird.
Cite:
GA 73a/1921-01-14/p019 · edition original