Dritter Vortrag
Mit diesen Dingen deute ich nur an, wie in der Tat durch die Geisteswissenschaft ein ganz organischer Weg sich eröffnet, der nicht auf irgendwelchen Phantasien aufgebaut ist, sondern auf einer getreulichen Beobachtung der menschlichen Natur, aber auf einer solchen Beobachtung, die das Innere durchdringt. Es geschieht wirklich nicht aus willkürlichen Behauptungen oder vagem Glauben heraus, wenn der Geistesforscher sagt: Dasjenige, was geistig-seelisch ist im Menschen, das ist nicht gebunden an die physische Organisation, sondern an die physische Desorganisation, also an das, was Platz machen muß, damit das Geistig-Seelische auftreten kann. Kein Wunder ist es daher, daß man in den nervösen Organen die geistigseelischen Prozesse verfolgen kann, denn in demselben Maße, in dem irgendein geistig-seelischer Prozeß auftritt, muß er die entsprechende physische Organisation verdrängen, was sich sogar als ein physischer Abbau geltend macht. Und man wird erst dann zu einem wirklichen Zusammenhang zwischen den geistig-seelischen und den physisch-leiblichen Prozessen gelangen, wenn man nicht mehr sucht die physisch-leiblichen Prozesse als den seelischen Prozessen entsprechend, sondern sie versteht als Prozesse der Desorganisation, der Auflösung, der Aussonderung. Wenn man diese Spuren der physisch-leiblichen Aussonderungsprozesse verfolgt, dann hat man das wahre Korrelat für die geistig-seelischen Prozesse; und gerade damit wird ihre besondere Eigentümlichkeit und Selbständigkeit in wirklich wissenschaftlicher Art garantiert.
Cite:
GA 73a/1921-01-14/p021 · edition original