Dritter Vortrag
Ich will Ihnen das an einem speziellen Beispiel zeigen, wie diese Dinge, die ich jetzt mehr in Abstraktheit Ihnen vorgeführt habe, im konkreten Erfassen der menschlichen Organisation sich geltend machen. Sie können es ja studieren, wie zum Beispiel die Epidermiszellen des Menschen zu Sinneszellen umgewandelte Epithelzellen sind, ebenso wie auch die Drüsenzellen umgewandelte Epithelzellen sind. Gerade an diesem Prozeß, der den Zusammenhang zwischen den Sinneszellen und den Drüsenzellen auf einem Umwege ergibt, werden Sie bekräftigt finden können, wie das, was ich gestern angeführt habe mit Bezug auf das sinnliche Erfassen nach außen hin und das sinnliche Erfassen des menschlichen Innern, anatomisch-physiologisch verfolgt werden kann an dieser Metamorphose der Zellen selber. Und dann, wenn Sie diese Richtung weiterverfolgen, indem Sie die heute schon durchaus empirisch vorliegenden Tatsachen studieren, so werden Sie finden, daß da ein gewisser Prozeß vorliegt, der sie führt von den Epithelzellen zu den Sinneszellen hin; das ist die eine Strömung in der Organisation. Wir können diese Strömung auch im entgegengesetzten Sinne verfolgen: Epithelzellen - Drüsenzellen. Wir haben damit die Möglichkeit, in der Betrachtung der menschlichen Organisation allmählich aufzusteigen zu der Art und Weise, wie aus der Hauptesorganisation und aus der mit ihr verwandten Organisation durch eine gewisse Entfaltung von Kräften, wie von innen nach außen gehend, die Sinne gebildet werden. Wir haben das, was in diesem Prozeß zu sehen ist, lokalisiert. Da aber im Menschen die Dinge nicht schematisch lokalisiert sind, so müssen wir sagen, sie sind hauptsächlich lokalisiert im Haupt; sie sind aber auch im übrigen Organismus vorhanden, so wie gewisse Sinne über den ganzen Organismus ausgebreitet sind, während vorzugsweise das Haupt die Sinne enthält. So können wir sehen, wie die eine Seite die menschliche Natur dazu drängt, aus sich die Sinnesorgane herauszubilden; andere Gebiete sind mehr nach der Richtung hin organisiert, welche das Epithel zu dem Drüsenhaften hin entwickelt. Wenn wir diese polarischen Gegensätze sehen, werden wir sagen: Es beruht, innerlich angeschaut - und man muß die menschliche Natur innerlich anschauen, sonst kann man sie nicht durchschauen -, es beruht alles darauf, daß die Strömung in der Organisation einmal von innen nach außen verläuft, das andere Mal sozusagen im entgegengesetzten Sinn, von außen nach innen. Da haben wir wieder etwas, was nach der einen oder der anderen Seite im menschlichen Organismus sich entwickelt. Und nun, meine sehr verehrten Anwesenden, kann durch ganz bestimmte Verhältnisse in Gebieten des menschlichen Organismus, wo vorzugsweise sonst diejenigen Prozesse veranlagt sind, welche von außen nach innen laufen, das eintreten, daß diese in einer unrichtigen Weise durchzogen werden von Prozessen, die von innen nach außen laufen. So paradox es klingt, man muß sagen, daß in einem Gebiet des menschlichen Organismus, das in seiner normalen Organisation nur dazu veranlagt ist, Drüsiges zu entwickeln, die Tendenz entstehen kann, hinzuführen zu einer Anlage eines Sinnesorgan-Bildungsprozesses. Da lagert sich in einer gewissen Weise in die Epithelbildung die Tendenz ein, die sonst im menschlichen Organismus nur da berechtigt ist, wo sich die Sinne entwickeln. Selbstverständlich kann das auftreten, weil ja in einem schwächeren Maße alles im menschlichen Organismus in allem eingelagert ist, man muß es nur unterscheiden; es kann sich auch im Haupte das aussprechen, was ein Gegenprozeß ist gegen den Sinnesbildungsprozeß. Man braucht nur daran zu denken, daß überall Absonderungsorgane neben den Sinnesorganen sich geltend machen.
Cite:
GA 73a/1921-01-14/p023 · edition original