Dritter Vortrag
Alles das - Sie werden das aus der Art und Weise entnehmen, wie ich es sage - ist nicht auf Phantasmen aufgebaut, es wird so exakt durchgeführt, wie nur irgendwie in der Wissenschaft exakt gearbeitet wird. Aber es muß mit Begriffen gearbeitet werden, die sich eben durchaus in die verschiedenen Gebiete der Wirklichkeit beweglich hineinversetzen können. Es müssen unsere Begriffe nicht einseitig bloß ausgebildet werden in gewissen Fachwissenschaften und dann dasjenige bleiben, was in berechtigter Weise in den einzelnen Fachwissenschaften dargestellt wird; unsere Begriffe müssen beweglich werden, so daß wir untertauchen können in die ganzen weiten Gebiete der Wirklichkeit. Sonst eignen wir uns solche Begriffe an, mit denen wir zwar in einer merkwürdigen Weise glauben, die Tatsachengebiete zu umspannen, mit denen wir aber den Tatsachengebieten in Wirklichkeit nur fernbleiben. Wir haben gerade in unserer heutigen Zeit dafür ein merkwürdiges Beispiel zu verzeichnen. Diejenigen, die mit solchen Dingen bekannt sind, werden wissen, wie viele Theorien über den Äther es im Lauf der neueren Zeit gegeben hat; sie wissen, wie man immer wieder versucht hat, bei den Erscheinungen, die man glaubte ansehen zu müssen als hervorgehend aus dem Zusammenwirken der ponderablen Materie mit dem Äther, den Äther bald als starr, bald als flüssig zu charakterisieren, bis endlich Experimente in der neueren Zeit ergeben haben sollen, daß man mit all diesen alten Äthertheorien nicht weiterkommt. Das einfache Experiment, das man angestellt hat über gewisse Verhältnisse bei der Fortbewegung des Lichtes - wie man sagte bei der Fortpflanzung des Lichtes -, dieses Experiment soll ergeben haben eine besondere Korrektur, eine radikale Korrektur des Ätherbegriffes. Es liegt ja dieses Experiment darin: Wenn man an einem Ort A ein Licht aufflackern läßt und dieses Licht verfolgt von Ort A nach Ort B, so soll, wenn der Ort B in Bewegung ist, also weitergeht, das Licht später ankommen, als es nach der Ausrechnung gemäß der in der Physik vorhandenen Lichtgeschwindigkeit in B ankommen würde, wenn dieser Ort B unbeweglich wäre. Aber das, was man da theoretisch ausrechnet, ergibt sich in der Praxis nicht. Und - ich lasse alle Übergangsglieder weg - darin hat ja dann, mit manchen Zwischengliedern, die Relativitätstheorie ihre Wurzeln gefunden, diese Relativitätstheorie, die nun als Ergebnis hat, daß man den Äther ganz abschafft. Man rechnet dann allerdings mit merkwürdigen Dingen, so zum Beispiel damit, daß sich Körper einfach verkürzen können durch die Bewegung selber und dergleichen. Nun, Sie brauchen sich nur mit der entsprechenden Literatur zu befassen, dann werden Sie schon finden, wie hart und starr da gewisse Begriffe geworden sind, die dann auf die Wirklichkeit so angewendet werden, daß man glaubt, die Wirklichkeit zu erfassen, aber eigentlich ihr ungeheuer fernbleibt.
Cite:
GA 73a/1921-01-14/p028 · edition original