3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Nun möchte ich, meine sehr verehrten Anwesenden, gerade auf das aufmerksam machen, was man auf diese Weise beim Mathematisieren lernt, das heißt beim Ausbilden algebraischer oder sonstiger Formeln oder geometrischer Gebilde. Ich möchte hinweisen darauf, daß es ja dem Menschen durchaus möglich ist, gewissermaßen mit nach rückwärts gerichtetem Blicke sich selber zu beobachten, wie er sich verhält in diesem Mathematisieren, wie er in diesem Mathematisieren zu einer zunächst allerdings formellen Gewißheit kommt von der inneren Wahrheit dieser Formeln und Gebilde. Das kann er auf der einen Seite tun, und er gelangt dadurch zu einer Art von Einsicht in jenen psychologischen Prozeß, der sich da abspielt, indem man mathematisiert. Gewiß, in dem Heraufkommen der Naturwissenschaft hat man sich, ich möchte sagen zufriedengegeben mit der Anwendung des Mathematischen. Man hat wenig hingeschaut auf diesen psychologischen Prozeß. Aber gerade wenn man zur Natur kommen will, wenn man nun weiterkommen will vom bloßen naturwissenschaftlichen Forschen aus, so wird es schon notwendig sein, wirklich streng hinzuschauen auf die eigentlich in der Seele vorgehenden Prozesse, auf das, was vorgeht, indem man das Mathematische ausbildet. Denn warum? Wenn man wiederum denjenigen Prozeß betrachtet, der sich abspielt in der Beobachtung oder in der geregelten experimentierenden Beobachtung, wenn man mit dem Mathematischen das Äußere durchdringt dadurch, daß man diesen naturwissenschaftlichen Forschungsprozeß sozusagen an der eigenen Persönlichkeit beobachtet, kommt man dazu, nicht nur naturwissenschaftlich zu forschen, sondern sich auch in bewußter Weise erziehen zu können zu jener Art, die Wahrheit zu ergreifen, wie sie eben ergriffen werden kann durch solches Forschen. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, sehen Sie, von solchen Studien - zuerst von einer solchen naturwissenschaftlichen Forschungsweise und von einer solchen Anschauung der Forschertätigkeit, der inneren Forschertätigkeit — ist im Grunde genommen dasjenige ausgegangen, was in Wahrheit Anthroposophie, wie sie hier gemeint ist, genannt werden kann. Und an dieser Anschauung, dieser inneren Anschauung, soll auch all das gemessen werden, was als Anthroposophie auftritt. Ich gestehe es frei und offen, meine sehr verehrten Anwesenden: Es liegt im Menschen ein ursprüngliches Wahrheitsgefühl, so daß zahlreiche Persönlichkeiten, die, wenn sie von dem hören, was auf dem Gebiete der Anthroposophie als Ergebnis auftritt, bis zu einem gewissen Grade innerlich überzeugt werden. Allein, so wahr dies geschieht durch ein gewisses elementares Wahrheitsgefühl, so wahr ist es doch auf der anderen Seite, daß urteilsfähig und - wenn ich das Wort bilden darf - «forschungsfähig» auf anthroposophischem Gebiete nur derjenige ist, der die eben angedeutete Schulung und Selbstbeobachtung aus naturwissenschaftlichem Forschen heraus durchgemacht hat. Es ist ja so leicht, durch das Ansprechende der anthroposophischen Resultate in einen gewissen Dilettantismus zu verfallen, der wiederum Dilettanten anzieht. Allein, dieser Dilettantismus liegt eben durchaus nicht am Ursprunge desjenigen, was als Anthroposophie ja in der Gegenwart vor die Welt hintreten soll, sondern diese Anthroposophie sieht darauf, daß ihr jeder Dilettantismus durchaus fernbleibt und daß sie gewissermaßen über ihre Ergebnisse, namentlich über die Art, wie sie zu ihren Ergebnissen gelangt, vor der strengsten wissenschaftlichen Gesinnung der heutigen Zeit Rechenschaft ablegen kann. Deshalb nenne ich das, was in der Anthroposophie auftritt, zunächst nicht irgendeinen Glaubensinhalt, sondern etwas, was sich durchaus neben die Wissenschaft der Gegenwart - und diese durchdringend - hinstellen kann. Der Geist, der sich geschult hat an dem, was man heute von der Wissenschaft fordert, der der heute anerkannten Wissenschaft zugrunde liegt, ist derselbe wissenschaftliche Geist, der auch der Anthroposophie zugrunde liegt.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p013 · edition original