3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Wer diesen ersten Band der Brentanoschen Seelenlehre unbefangen liest, der versteht, ich möchte sagen aus der Art und Weise, wie diese Seelenlehre auftritt, durchaus, warum eine solche Fortsetzung nicht erschienen ist. Franz Brentano sagt ja in diesem seinem ersten Band frank und frei, daß man, wenn man dabei stehenbliebe, wo er stehenblieb, sich zuerst würde eingestehen müssen, eigentlich nichts zu wissen. Wenn man das Verbinden der Vorstellungen betrachtet und ihre Beziehungen zum Gedächtnis, die Vergesellschaftung der Vorstellungen, wie man das gewöhnlich nennt und so weiter, wenn man darauf die bloß naturwissenschaftlichen Methode anwendet, dann ist das kein Ersatz für eine solche Psychologie, wie sie Plato und Aristoteles sich erhofft hatten. Das wäre kein Ersatz für eine Psychologie, die sich auch befassen kann mit dem, was im Menschen als das Ewige zu bezeichnen ist, oder - wie sich Franz Brentano ausdrückt — die sich befassen kann mit dem vom Menschen, was bleibt, wenn das zeitliche Leben als Leib von ihm abfällt. Franz Brentano wollte dieses Problem, welches man im populären Sinne das Unsterblichkeitsproblem nennen kann, im naturwissenschaftlich-psychologischen Sinne lösen. Darum hat er gerungen. Er wollte - das möchte ich bestimmt sagen — nicht in jenes Gebiet eintreten, das ich hier als Anthroposophie bezeichnen muß; das erschien ihm nicht wissenschaftlich genug. Daher konnte er aber auch, weil er ein ehrlicher Forscher war, einfach nicht weiterschreiben. Ehrlichkeit auf dem Gebiet der Seelenlehre zu verbinden mit wissenschaftlichem Forschergeiste ist nur möglich, wenn man in der Lage ist, auf dem Wege jene Fortsetzung des naturwissenschaftlichen Denkens zu entwickeln, welches eben die anthroposophische Geisteswissenschaft fordert.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p019 · edition original