3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Ich möchte sagen, es ist ein lebendiger Beweis, dieses Nicht-zu-Ende-Kommen Franz Brentanos mit seiner Psychologie, es ist ein lebendiger Beweis dafür, daß wir eben heute keine eigentliche Psychologie haben. Hätten wir eine Psychologie, eine eigentliche Psychologie, so würde man gewisse Dinge schon anders anschauen können, als sie heute gewöhnlich angeschaut werden. Und da möchte ich vor allen Dingen auf eines hinweisen. Wenn wir uns naturwissenschaftlich ergehen, die naturwissenschaftlichen Tatsachen in Gesetze bringen, diese Gesetze dann unserem Intellekt einverleiben, so daß wir gewissermaßen das in unserer Person mit forttragen, was sich uns, indem wir äußerlich beobachten und experimentieren, ergeben hat, so bemerken wir: Je mehr wir uns von den äußeren Tatsachen entfernen, je mehr wir gewissermaßen bloß innerlich arbeiten mit dem Verstande, der sich so vorzüglich erweist, wenn Experiment und Beobachtung ihm Führer sind, je mehr wir mit diesem Verstande weiterarbeiten, je mehr wir - mit anderen Worten - ins hypothetische Gebiet hineinkommen, in dasjenige Gebiet, wo man durch den Verstand etwas ausgestalten will, was hinter diesen Erscheinungen steht, desto deutlicher fühlt man: Man kommt in ein Gebiet hinein, dem gegenüber man sich auf die Dauer nicht befriedigt erklären kann. Je mehr man, ich möchte sagen frei sich ergehend zunächst in demjenigen Denken, das man ganz gut im naturwissenschaftlichen Forschen anwenden kann, je mehr man sich ergeht in diesem Denken, in diesem Bilden von Gedankenhypothesen, desto mehr kommt man zu etwas Unbefriedigendem. Und dieses Unbefriedigende zeigt sich im Grunde genommen im ganzen Verlauf der wissenschaftlichen Entwicklung.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p020 · edition original