3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Da werden Sie es dann absurd finden, wenn jemand diese über das Mathematisieren noch hinausgehende, durch und durch von Willen durchzogene Seelentätigkeit mit irgend etwas Halluzinatorischem oder mit irgend etwas Unterbewußtem vergleicht. Das ist ja gerade der Grund, warum so viel gegeben wird auf eine mathematische Vorbereitung für die Anthroposophie, weil man dadurch erkennen lernt, wie man freie Hand hat im Hervorbringen von Vorstellungen und dem Festhalten der Vorstellungen im Bewußtsein. Und wer da sagt, das, was Anthroposophie bezwecke an innerem Willen, könne Halluzination sein, der geht - entweder absichtlich oder weil er nicht kann - nicht ein auf die ganze Art und Weise, wie nun dieses meditative Leben eigentlich besorgt wird, wie darauf gehalten wird, daß man zunächst, um ja nicht irgendwie Reminiszenzen aus dem Unterbewußtsein heraufzuholen, leicht überschaubare Vorstellungen in sein Bewußtsein hineinversetzt. Dadurch aber übt man eine Tätigkeit aus- durch innere Kraft, mit Anstrengung des Willens —, die man sonst nur anhand der äußeren Tatsachen ausübt, denn sonst geht man anhand der äußeren Tatsachen und Erlebnisse weiter und läßt anhand dieser äußeren Tatsachen und Erlebnisse das Vorstellungsleben verlaufen. Jetzt aber macht man sich von jenen äußeren Tatsachen und Erlebnissen frei - ich kann hier nur das Prinzipielle andeuten, das Genauere finden Sie in den genannten Büchern -, jetzt kommt es darauf an, die Vorstellungen durch inneren Willen festzuhalten und so dauernd eine Seelentätigkeit hervorzurufen, die sich sonst nur an äußeren Tatsachen entzündet und im Inneren des Menschen, gebunden an das äußere Dasein, verläuft. Dadurch aber, daß man ein solches Meditieren immer weiter und weiter ausbildet, dadurch, daß man jahrelang sich darin übt, Vorstellungen, die leicht überschaubar sind, zu dauernden zu machen, dadurch, daß man auf diese Weise kennenlernt jene Seelentätigkeit, die das über das gewöhnliche Sein hinausgehobene Denken losreißt von dem Leiblichen, dadurch erhebt man sich zu dem, was ich in den genannten Büchern dargestellt habe als imaginatives Erkennen.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p032 · edition original