3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Sehen Sie, wer halluziniert oder Visionen hat, der erzeugt aus seinem Leibe heraus Bilder. Er folgt nur einer inneren Notwendigkeit, einer inneren Nötigung. Wer in der Phantasie lebt, erzeugt aus seiner Seele heraus Bilder. Er ist sich mehr oder weniger bewußt, wie er diese Bilder erzeugt. Und wenn er ein gesund veranlagter Mensch ist und kein Wahnsinniger, dann weiß er, daß er in einer unwirklichen Phantasiewelt lebt. Was man im imaginativen Bewußtsein erzeugt, von dem weiß man - weil das gewöhnliche, normale Bewußtsein, das Bewußtsein, das sich in Freiheit erlebt, vorhanden bleibt -, daß man im imaginativen Bewußtsein die Bilder selber gestaltet, wie man in der Mathematik die Formel selber gestaltet, durch die man die Wirklichkeit begreift. Aber man weiß auch, daß man, wenn man hineinkommt in die geistige Welt, durch diese Bilder eine geistige Welt ergreift. Man sieht also, daß man als Mensch mit dem gewöhnlichen äußeren Bewußtsein diesen Vorgang begreifen kann. Wir haben in dem gewöhnlichen Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft die Möglichkeit, uns die Freiheit zu erringen - und das, weil man sich ja mit dem bloß bildlichen Vorstellen, das nicht in der Realität ist, sagen muß: Ich denke, also bin ich nicht - cogito ergo non sum. Wenn man mit diesem Denken seine Freiheit ausbildet und wiederum zurückblickt in die geistige Welt, so blickt man zurück in eine Welt, in der jene Notwendigkeit herrscht, die man zuerst an der Außenwelt kennengelernt hat. In der Außenwelt geht man von der Notwendigkeit der Tatsachen aus. Man rückt auf in ein Denken, wo gewissermaßen die Freiheit zurückstößt die Sicherheit des inneren Denkens.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p035 · edition original