3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Fragen wir uns: Wie bewegt sich das gedächtnismäßige Vorstellen? - Wie gesagt, da haben wir zuerst das Erlebnis: Wir sind mit der Außenwelt im Zusammenhange; wir leben uns mit unserem ganzen Menschen hinein in irgendein Ereignis der Außenwelt. Das spricht zu unseren Willensimpulsen, also besser gesagt, das spricht zu unserem Gefühl; das spricht auch zu unseren Vorstellungen. Wir leben mit unserem ganzen Menschen darinnen. Wir strengen uns vielleicht sogar physisch an, indem wir das Erlebnis haben. Kurz, mit dem ganzen Menschen leben wir darinnen. Dadurch taucht diese Seele, indem wir unsere Vorstellungen haben, in die Tiefe hinunter, und im Bilde können wir es wiederum hervorholen. Wir können sagen: Im gewöhnlichen Erleben schreiten wir vor vom äußeren Erlebnis zum gewöhnlichen Gedächtnis dadurch, daß die äußeren Bilder eine gewisse innere Metamorphose durchmachen. Im Meditieren, welches in anthroposophischer Forschung vorliegt, gehen wir den umgekehrten Weg. Wir lernen zuerst das Bild haben, das nicht an ein äußeres Erlebnis, nicht an unterbewußte Reminiszenzen anknüpfen darf, und lernen fortschreiten — jetzt nicht zu einem äußeren Erlebnis, sondern zu einem übersinnlichen Erlebnis, auch zu denjenigen Erlebnissen, die da liegen vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Wir lernen auf diese Weise die Präexistenz der Seele, das geistige Sein der Seele, kennen, wie wir sonst nur das kennenlernen, was uns die äußeren Erlebnisse gebracht haben bis zu einem gewissen Punkte in unserer Kindheit. Es ist das umgekehrte Erlebnis, das uns aber zu geistigem Erleben führt, wo wir vom Bilde ausgehen und zu dem Erlebnis aufsteigen. Und wenn wir zu gleicher Zeit eine gewisse Selbstzucht üben, namentlich eine solche Selbstzucht, die immer mehr und mehr sich hineinlebt in äußeres Handeln aus dem heraus, was wir im gewöhnlichen Leben als das Liebesgefühl kennen, dann lernen wir in objektiver Weise erkennen, wo wir aus den Aufgaben, die uns die Außenwelt gibt, in Liebe unsere Tätigkeit entwickeln können. Lernen wir dieses Leben kennen in der Außenwelt, dann wird auch das Fortschreiten vom Bild zur Wirklichkeit nach langer Übung allmählich so sein, daß wir von dem imaginativen durch das inspirierte zu dem intuitiven Bewußtsein vorschreiten, das heißt wir lernen, in der inneren Objektivität, in der inneren Notwendigkeit der geistigen Welt drinnenstehen.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p038 · edition original