3. Naturwissenschaft und Anthroposophie
Wenn man Phänomene zusammenstellt, lernt man erkennen, wie man heranzutreten hat an diese Welt. Man kommt so nicht zum Gebiet der Atome - nicht zu Atomen, nicht zu Elektronen und so weiter, die bis zu einem gewissen Grade berechtigt sind, soweit eben die äußere Erscheinung in Betracht kommt. Man kommt auf diese physikalisch-naturwissenschaftliche Betrachtungs- und Forschungsart eben nur an die äußeren Erscheinungen heran. Wenn man diese dagegen rein als Phänomene darstellt, dann kann man so zu dem hinter dem Phänomen Stehenden vordringen - zu dem wir selbst in unserem ewigen Wesenskern gehören -, daß man in das Imaginative, Inspirative, Intuitive aufsteigt. Und dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, gelangt man im Grunde genommen auch dazu, eine gewisse Selbsterkenntnis zu gewinnen, das zu realisieren, was man in der Selbstbeobachtung fordert. Man lernt, indem man das imaginative Bewußtsein entwickelt, in sich hineinzuschauen. Worauf beruht denn das Gedächtnis? Es beruht gewissermaßen darauf, daß wir das, was wir an der Außenwelt erleben, auffangen im Bilde - nicht so, wie es zum Beispiel in den ersten Tagen unserer Kindheit der Fall ist - da ist es in die Organisation hinunterversetzt —, sondern so, daß es sich spiegelt, daß es gewissermaßen an unserer Organisation eine Spiegelwand hat und daß wir es auffangen, indem wir uns erinnern, in dem Gedächtnisbilde des Erlebnisses. Indem wir so das Gedächtnis entwickeln, das wir brauchen zum gesunden sozialen und wissenschaftlichen Leben, überwinden wir auf der anderen Seite durch anthroposophische Forschung die Bindung an die physische Organisation. Allerdings muß dabei immer das gewöhnliche Bewußtsein dasein; nicht wie beim Halluzinieren darf es sein, sondern wer zum imaginativen Bewußtsein aufsteigt, der ist immer zu gleicher Zeit ein vernünftiger Mensch, der hat daneben immer das gewöhnliche Bewußtsein. Das ist es eben, was das imaginative Vorstellen, das inspirierte Vorstellen durchaus vom Halluzinieren unterscheidet. In dem, was der Körper hervorbringt, leben Halluzinationen, leben Visionen, so daß wir es, wenn wir aus dem Körper heraus körperliche Bilder entwickeln, mit Visionen, Halluzinationen zu tun haben. Wenn wir aus der Seele heraus Bilder komponieren, haben wir es mit Phantasiegestaltungen zu tun; wenn wir aus dem Geiste heraus, den wir ergreifen, indem wir uns frei vom Leib, rein geistig-seelisch betätigen lernen, Bilder komponieren, die wir uns vorstellen, dann ist das eine geistige Realität. Also, der Körper ist es, der die Bilder hervorbringt, indem er zu Halluzinationen und Visionen kommt. Die Seele komponiert Bilder, indem sie zu Phantasien, nicht zu visionären Bildern, gelangt. Der Geist in uns komponiert Bilder, indem er herantritt an die geistigen Realitäten.
Cite:
GA 75/1921-06-04_02/p041 · edition original