6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie

GA 75/1922-05-11/p006 ·1922-05-11 · original (original)
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Ich werde aber selbstverständlich, wenn ich in Ihrem Kreise zu sprechen habe über das Verhältnis von Anthroposophie zur Wissenschaft, so zu sprechen haben, daß Sie gewissermaßen nicht herauskommen aus demjenigen, was Sie gewohnt sind, als wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und Denkweise anzuerkennen. Aber ich werde ja nicht über einzelne Gebiete zu sprechen haben, sondern ich werde zu sprechen haben gewissermaßen über den ganzen Bestand des Wissenschaftsgebäudes der Gegenwart. Und da ich vorauszusetzen habe, daß unter Ihnen, verehrte Kommilitonen, die Angehörigen der verschiedensten Wissenschaftsgebiete sind, so werde ich natürlich den einzelnen Bedürfnissen nicht gerecht werden können, und manches wird gewissermaßen in einer nicht abstrakt gemeinten, aber doch abstrakt ausschauenden Höhe sich bewegen müssen, so daß vielleicht aus dem, was ich zu sagen habe, für die einzelnen Gebiete der einzelne die Konsequenzen erst zu ziehen haben wird. Agnostizismus ist ja ein Wort, das heute weniger oft ausgesprochen wird, das aber etwas bezeichnet, was doch durchaus mit den Grundlagen unserer wissenschaftlichen Denkweise zusammenhängt. Es ist ja dieser Agnostizismus, ich möchte sagen als eine zu rechtfertigende wissenschaftliche Denkweise, besser gesagt vielleicht philosophische Denkweise von Persönlichkeiten wie Herbert Spencer begründet worden. Es ist ja auch vorzugsweise von ihm dieser Terminus gebraucht worden, und wenn wir die Definition des Agnostizismus suchen wollen, so werden wir sie bei ihm suchen müssen. Aber als eine Grundlage, gewissermaßen als eine Grundnote des wissenschaftlichen Denkens existiert ja dieser Agnostizismus in den weitesten Erkenntnisgebieten der Gegenwart. Wenn man zunächst ganz abstrakt sagen soll, was mit dem Agnostizismus gemeint ist, so könnte man etwa das folgende sagen: Man erkennt die wissenschaftliche Methoden an, die sich als sichere in den letzten Jahrhunderten herausgebildet haben, man treibt mit ihnen sachgemäße Wissenschaft, wie wir sie heute ja auf gewissen Gebieten treiben müssen - durch Beobachtung, durch das Experiment und durch dasjenige, was die gedankliche Verarbeitung sowohl des Experiments wie der Beobachtung ist.

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