6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie
Nun ist das, was hier als Anthroposophie vertreten wird, durchaus nicht etwa, wie manche glauben, eine Aufwärmung der alten Gnosis — die kann nicht wieder auferstehen. Die war aus der Denkweise ihrer Zeit, sozusagen aus der ganzen Wissenschaft ihrer Zeit herausgeboren. Wir stehen heute in einem Zeitalter, in dem wir, wenn wir eine Wissenschaft übersinnlich begründen wollen, dem Rechnung zu tragen haben, was durch das Wirken solcher Geister wie Kopernikus, Galilei und vieler anderer, die ich jetzt nicht nenne, in der Menschheitsentwicklung heraufgebracht worden ist. Und indem man dies ausspricht, erklärt man implizit, daß es unmöglich ist, sich auf den Standpunkt der Gnosis zu stellen, die ja natürlich nichts hatte von der modernen Wissenschaft. Aber darauf darf doch hingedeutet werden, daß dieser gnostische Standpunkt eben in einer gewissen Beziehung das Gegenteil war dessen, was heute vielfach als Grundnote der Wissenschaftlichkeit auftritt. Dieser gnostische Standpunkt war der, daß es dem Menschen sehr wohl möglich ist, wenn er sich an seine inneren, im gewöhnlichen Leben nicht angewendeten Erkenntniskräfte wendet, hinaufzudringen zu den übersinnlichen Gebieten und dasjenige zu finden, was dann zwar nicht Religion, aber Erkenntnisgrundlage auch des religiösen Lebens sein kann.