6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie
Man versteht das Fundamentale dieser Denkweise allerdings nur dann, wenn man weiß, daß schon im Griechentum - in diesem nach gewissen Richtungen hin gesunden Griechentum - die Ansicht vorhanden ist, daß es, wenn sich der Mensch bloß seiner Natur überläßt in bezug auf sein seelisches Entwickeln, eigentlich immerdar zu einer Art Erkrankung führt und daß das geistige Leben im Menschen ein fortwährender Gesundungsprozeß sein muß. Wer das Griechentum in dieser Beziehung intimer kennt, wird keinen Augenblick anstehen zuzugeben, daß der Grieche sich sein höchstes Geistesleben so vorstellte, daß er sich sagte: Das ist ein Heilmittel gegen die fortwährende Tendenz des Seelischen zu verkümmern; es ist eine Art, dem Tode entgegenzuwirken. Ein Wiederbeleben des Seelischen in der Richtung seines Wesens: Das war für den Griechen das geistige Leben. Nicht bloß ein abstraktes Erkennen sah der Grieche in seiner Wissenschaft; er sah in seiner Wissenschaft etwas, was in ihm einen Heilungsprozeß anregte. Und das war auch die besondere Art, wie dann in einer etwas anderen Färbung gedacht worden ist in jenen Weltanschauungen, die sich mehr auf das Judentum stützen, wo vom Sündenfall, von der Erbsünde gesprochen wird. Auch die Griechen hatten diese Anschauung - nur in einer anderen Weise —, daß es für die menschliche Seele notwendig ist, sich im Leben einem fortdauernden Gesundungsprozeß hinzugeben. Innerhalb dieses griechischen Geisteslebens war es überhaupt so, daß der Mensch keineswegs die Tätigkeiten, denen er sich hingab, und die Denkweisen, die er hegte, nebeneinanderstellte. Sie flossen bei ihm vielmehr zusammen, und so war ihm zum Beispiel die Heilkunst eben eine Kunst - nur eben eine Kunst, die innerhalb der Natur stehenblieb. Und gerade die Kunst betrachtete der Grieche - dieser eminent künstlerisch veranlagte Mensch - nicht als etwas, das profaniert oder in ein niederes Gebiet herabgezogen wird, wenn man es vergleicht mit demjenigen, was ein Gesundungsprozeß der menschlichen Wesenheit ist.