6. Agnostizismus in der Wissenschaft und Anthroposophie
Wenn Sie mit unbefangenem Auge hinschauen auf unser soziales Leben, so werden Sie finden, daß wir gerade auf dem sozialen Gebiete zum Agnostizismus gekommen sind. So grotesk und paradox es dem heutigen Menschen noch erscheinen mag, auf diesem Gebiet der Geisteswissenschaft kommt man über diese Erkenntnisart, insofern sie agnostisch ist, nur hinaus, wenn man sich zur wirklich intuitiven Erkenntnis erhebt und damit zum Erleben des Menschenwesens. Wir Menschen gehen heute eigentlich aneinander vorbei. Wir beurteilen uns höchst äußerlich. Es treten soziale Forderungen auf, indem wir gerade die alten sozialen Instinkte am stärksten entwickeln. Aber eine innere, soziale Seelenstimmung wird nur dadurch kommen, daß uns die Intuitionen aus einer geistigen Welt lebensvoll durchdringen. Wir haben im agnostischen Zeitalter notwendigerweise dazu kommen müssen, alles Geistige mehr oder weniger nur in den Ideen zu sehen. Die Ideen, insofern sie im gewöhnlichen Bewußtsein sind, leben aber nicht. Der heutige Philosoph spricht uns von logischen Ideen, von ästhetischen Ideen, von ethischen Ideen. Sie alle können wir beobachten, sie alle können wir innerlich theoretisch erleben - sie haben aber keine Impulskraft für das Leben. Die Ideen bekommen erst Lebenswirklichkeit, indem sie sich aufringen zum intuitiven Erleben des Geistigen. Wir können nicht zu einer sozialen Erlösung und Befreiung kommen, und wir können auch unser Leben nicht mit einer uns angemessenen Religiosität durchdringen, wenn wir nicht zu einer intuitiven, lebensvollen Erfassung des Geistigen kommen.